Zeitung Heute : "Für Verbraucher nicht von Interesse" - Medienpolitiker diskutieren

Reinhart Bünger

Der Offene Kanal Berlin (OKB) ist weiterhin von der Schließung bedroht. Vertreter der Berliner Regierungskoalition aus CDU und SPD stellten die Macher am Donnerstagabend auf einer Veranstaltung der Friedrich Ebert Stiftung vor die Existenzfrage.

"Die CDU steht dem Offenen Kanal sehr skeptisch gegenüber und würde keine Krokodilstränen weinen, wenn er eingestellt wird", vollzog der medienpolitische Sprecher der Berliner CDU, Michael Braun, für seine Partei eine 180-Grad-Wende. Brauns Vorgänger, Dieter Biewald, hatte noch die Position vertreten, "dass die gesamte Fraktion den Offenen Kanal Berlin, der ja eine Einrichtung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg ist, ausnahmslos begrüßt". Braun ärgerte sich über nicht näher bezeichnete "unangenehme Sendungen". Ähnlich artikulierte sich der medienpolitische Sprecher der Berliner SPD, Andreas Köhler. Ihn hatte ein Beitrag über "lesbisch-schwule Lebenswelten" vom 24. Januar 1999 erregt: "Ich glaube nicht, dass dieses Thema für den Verbraucher so von Interesse ist."

Mit ihrer Programmkritik standen Braun und Köhler jenseits der Diskussionsebene, die in den achtziger Jahren zur Gründung von Bürgerkanälen geführt hatte: Sie sollten - auch - ein Gegengewicht zum privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunk bilden. Dies nicht in professioneller Hinsicht, sondern mit Blick auf die freie Artikulation von Meinungen - wie Uli Kamp (Mitglied der Expertengruppe Offener Kanal Ludwigshafen) in einem Vortrag herausarbeitete.

Alice Ströver (Bündnis 90 / Die Grünen) erklärte, gegen die "Selbstinszenierung von Individuen" im OKB sei wenig einzuwenden: "Das haben wir auch in jeder Nachmittagstalkshow der Privaten." Die medienpolitische Sprecherin der PDS, Gesine Lötzsch, mahnte vor dem Hintergrund rechtsradikaler OKB-Sendungen, auch in der Bundeswehr gebe es gelegentlich rechtsradikale Äußerungen. Niemand habe deshalb gefordert, die Truppe aufzulösen. Einig war man sich auf der Veranstaltung, dass die Selbstdarstellung des OKB verbessert werden könne.

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