Zeitung Heute : Fürs Kind büffeln

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

In den ersten Tagen mit unserem Neugeborenen hatten wir bisweilen den Eindruck, der Schöpfer habe sich einen üblen Scherz erlaubt: Das Kind vereinigte die Gesichtszüge beider Eltern auf unvorteilhafteste Weise (und auf kleinstem Raum), genauer gesagt, es sah aus wie eine boshafte Karikatur seiner Erzeuger. Unsere Erbmerkmale erschienen dabei ebenso gerecht wie unglücklich verteilt – zum Beispiel hatte das Kind ein Ohr von mir und eins vom Kindsvater.

Inzwischen haben sich seine Züge geglättet, und wir finden unser Baby sehr niedlich, mit seinen großen, blauen, stets etwas besorgt blickenden Augen. Es kann sich auch schon gut verständlich machen, denn der große Bruder dolmetscht seine Gurgel- und Schmatzlaute für uns (Hast du gehört? Das Baby hat Staubsauger gesagt!). Ansonsten ist der große Bruder damit beschäftigt, über die Grundtatsachen des Lebens nachzusinnen (Wo war ich, als du ein Baby warst? Wie alt sind meine Füße?“) und sich darüber zu wundern, dass der Nikolaus am 6. Dezember im roten Mantel Geschenke bringt und am 24. Dezember der Weihnachtsmann im identischen Gewande dasselbe tut, handelt es sich gar um dieselbe Person? Ja, liebe Leser: Wie denn nun?

Überhaupt bringen mich die Fragen des großen Bruders zunehmend in Verlegenheit. Immer öfter kommt er aus dem Kindergarten zurück und redet mich etwa wie folgt an: „Großmutter, warum hast du so große Zähne?“ Statt sofort zu antworten „Damit ich dich besser fressen kann“, wühle ich in meinem Hirn nach dem passenden Märchen – Dornröschen? Schneewittchen? Rotkäppchen? – meist vergeblich, Schweiß tritt mir auf die Stirn, Wissenslücken tun sich auf. Aus irgendeinem tiefenpsychologischen Grunde habe ich nämlich meine Kindheit komplett vergessen. Sämtliche Kinderreime, Kinderspiele, die Texte von Kinderliedern sowie die Grimmschen Märchen sind aus meinem Gedächtnis gelöscht, selbst die Regeln fürs Topfschlagen kann ich nur mit Mühe rekonstruieren, und Plätzchen habe ich auch seit Urzeiten nicht mehr gebacken. Dabei ist doch gerade die Weihnachtszeit dazu angetan, Traditionen zu pflegen, und ist das nicht seit jeher die Aufgabe ehrbarer Mütter? Aber was wenn die Mütter überzeugte Spätgebärende sind und in den langen, kinderlosen Jahren alle Traditionen vergessen haben?

Meine tätige Antwort lautet: Wenn der Große in der Kita ist und das Baby schläft, studiere ich das Grimmsche Opus, büffele Kinderreime, memoriere Rezepte für Zimtsterne. Bei zwei Kindern und voraussichtlich sieben Enkeln ist das eine lohnende Investition. Spätestens wenn das Baby Kindergartenalter erreicht hat, will ich den Bi-Ba-Butzemann und Gedichte für den Nikolaus locker hersagen können. Drum lass uns jubilieren, sage ich zum großen Bruder, freuen wir uns: auf den Weihnachtsmann, über unser sprachbegabtes Baby, über angebrannte Zimtsterne und Rotkäppchens Rettung. Und was das Beste ist, mein Sohn: Deine Füße werden morgen volljährig.

Berlins Kinder- und Puppentheater bieten unwissenden Eltern Nachhilfe in Sachen Grimm. Über Weihnachtsmann und Nikolaus klärt auf: Barbara Rias-Bucher, Das Weihnachts-ABC, dtv, 10 Euro.

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