Zeitung Heute : Funksensoren im Krümelformat

In der Telekommunikation arbeiten Unternehmen und Forschungsinstitute eng zusammen. Das Ergebnis sind Produkte, die sich weltweit sehen lassen können

-

Von Heiko Schwarzburger Vier Wochen Rummel, Millionen Fans auf Achse: Bei der Fußball-WM will Deutschland sämtliche Rekorde brechen. Das gilt auch für die Telekommunikation: Die Fans sollen in einem Meer von Informationen rund um das Leder baden, an jedem Spielort und zu jeder Tageszeit.

Ein Pionier in diesem Bereich ist Sahin Albayrak, der Chef des Labors für verteilte künstliche Intelligenz (DAI-Labor) an der Technischen Universität Berlin. „Wir arbeiten an einer Plattform für Informationsdienste zum Sport, zur Verkehrslage, zu Fahrplänen und zu Angeboten der Tourismusbranche“, erläutert er. Die Plattform soll unabhängig vom Endgerät und vom jeweiligen Handynetz abrufbar sein. „Die Fans können sich mit Hilfe von Handys oder tragbaren Computern Spielszenen abrufen und sich über das Angebot in Sportbars und über Events informieren“, berichtet Albayrak.

Am DAI-Labor der TU Berlin geben sich die Großen der Telekommunikationsbranche die Klinke in die Hand. Vor Jahresfrist ließ die Deutsche Telekom verlauten, dass sie in Berlin ein Innovationszentrum für 75 Spitzenforscher aufbauen will. Als die Neuigkeit verkündet wurde, saß Albayrak neben Hans Albert Aukes, dem Boss aller Telekom-Forscher. Denn: Die Telekom wird ihre neue Denkschmiede an der TU errichten. Auch Cisco Systems kooperiert mit den Wissenschaftlern der Universität. Bei dieser Partnerschaft geht es ebenfalls um mobile Informationsdienste.

Die Telekommunikationsbranche in Berlin und Umland ist auf das Engste mit den wichtigsten Forschungszentren der Region verknüpft, vor allem mit der TU und dem Wissenschaftspark in Adlershof. Mit der Telekom und Siemens sind zwei Schwergewichte in der Region ansässig, die sich auf ein dichtes Netz von Instituten und kleinen Firmen stützen.

So stellten Forscher des Berliner Heinrich-Hertz-Instituts (HHI) vor wenigen Monaten einen Weltrekord im Mobilfunk auf – beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit. Zusammen mit Ingenieuren von Siemens gelang es ihnen, per Funk eine Datenrate von einem Gigabit pro Sekunde zu übertragen. Mit der neuen Technik wird es bald möglich, den Inhalt einer DVD innerhalb von fünf Sekunden über den Äther zu schicken. Dabei senden und empfangen mehrere Antennen auf der gleichen Funkfrequenz. Die japanische Konkurrenz, die den Rekord kurz darauf erreichte, fuhr riesige Sendegeräte auf. Am HHI haben die Laborgeräte die Größe von Tischrechnern. Holger Boche, der Chef der Forschergruppe am HHI prophezeit: „Ab 2008 oder spätestens 2010 werden die Mehrantennensysteme die Handynetze revolutionieren.“

Neben der TU im Stadtteil Charlottenburg hat sich in Adlershof ein zweiter Kern der Telekommunikationsbranche etabliert. Dort residieren das Max-Born-Institut für Lasertechnik und das Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH), das neue Chips aus so genannten Verbindungshalbleitern wie Galliumarsenid entwirft. Diese Prozessoren sind für die Handys der nächsten und übernächsten Generation gedacht, denn je schneller die Netze und je größer die Datenmengen, desto höher sind die Anforderungen an die Chips in den Handys.

In der Nachbarschaft der Institute hat sich ein Photonikzentrum entwickelt, an dem junge Firmen superschnelle elektronische Bauelemente herstellen. So baut die Firma Lumics Komponenten für Laser in Datennetzen, Messtechnik und in der Industrie. „Wir haben 2002 mit Pumplasern für Verstärker in Telekomnetzen angefangen“, erzählt Nils Kirchstädter, der Gründer von Lumics. „Mittlerweile konnten wir unsere Produktpalette mit Komponenten für Laserschneiden und medizinische Anwendungen deutlich erweitern.“

Um sich den technologischen Vorsprung zu sichern, nutzt Lumics die Speziallabore des Ferdinand-Braun-Instituts mit. Dabei konzentriert sich das Unternehmen auf Komponenten, die grünes und blaues Laserlicht erzeugen. Mit ihrer Hilfe werden die Lichtwellen in Glasfasernetzen verstärkt. Nach der forschungsintensiven Startphase geht es nun darum, international neue Märkte zu erschließen und die Produktionskosten für die Diodenlaser zu drücken. Der Kostendruck in dieser Branche ist enorm, denn ähnlich den Computern verdoppelt sich auch bei Lasern alle zwei Jahre die Leistungsfähigkeit – bei gleichem Preis.

Ganz neu sind intelligente Funknetze aus kleinen Sensoren, die ihre Informationen wie bei einer „stillen Post“ über ihre Nachbarn an eine Überwachungszentrale weitergeben. Die Firma Scatterweb, eine Ausgründung aus der Freien Universität, erhielt dafür den diesjährigen Innovationspreis von Berlin und Brandenburg. Scatterweb hat ein Funksensornetz aufgebaut, das auf der Messe Berlin die rund 4000 Notausgänge überwacht – ohne dass ein einziges Kabel verlegt werden musste. Das Unternehmen wurde erst im Vorjahr gegründet und sieht seine Zukunft vor allem in intelligenten Alarmanlagen sowie in der Überwachung industrieller Abläufe.

Am Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) in Berlin-Wedding arbeiten Forscher fieberhaft daran, solche Sensoren nebst Rechnereinheit, Funktechnik und Batterie auf die Größe von Saatkörnern zu schrumpfen. Diese autonomen Kleinstcomputer nennt man E-Grains. Derzeit sind sie noch so groß wie ein Zuckerwürfel.

Im vergangenen Jahr bauten die Forscher ein E-Grain in einem Golfball ein, um die Abschlagsgeschwindigkeit zu erfassen und innerhalb des ersten Flugmeters an einen PDA zu melden. Die technische Spielerei hat einen ernsten Hintergrund: „Korngroße E- Grains könnten helfen, wertvolles Erntegut in Silos auf einfache Weise zu überwachen“, gibt Projektleiter Jürgen Wolf einen Ausblick. „Dort entstehen jährlich Verluste in Millionenhöhe, durch Schadpilze und Feuchtigkeit.“

Die Berliner Firma Esys, die auf integrierte Bauteile spezialisiert ist, schickte ihre Experten in das Forschungsteam, auch der Hersteller für Speichermodule Swissbit saß mit am Tisch. Infineon, Philips und Bosch waren ebenfalls beteiligt.

Auch die Funktechnik der korngroßen Funkwürfel wurde weiter verfeinert: durch Wissenschaftler des Ferdinand-Braun-Instituts. Sie entwarfen neue Antennen, um bald mit 64 Gigahertz zu senden. Ein Patent haben die Forscher dazu schon angemeldet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben