Zeitung Heute : Funny hören

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

Viele schreiben super Texte. Dann denk ich oft, das könnt ich nie. Sie analysieren die Realität, und dann ham sie auch noch Fantasie. Aber manchmal gehen mir Worte, nur noch auf die Nerven. Und überhaupt, was zählt, passiert ja nonverbal.“ Dazu ein Gitarrenriff, simpel und eingängig. Unverkennbar: Funny van Dannen. Seine neue CD „Grooveman“ höre ich etwa zehn Mal am Tag.

Das mit dem Nonverbalen stimmt nämlich wirklich: Als ich neulich mit Ute einen Ausflug nach Paris machte, beispielsweise. Wir stritten uns schon auf dem Weg zum Auto darüber, wie man an Gott glauben solle. Ich habe das Glauben beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) in Basel gelernt. Eine harte Schule. Der Basler CVJM ist evangelikal geprägt. Wenn irgendwo „Hölle“ draufsteht, dann ist auch „Hölle“ drin, habe ich dort gelernt. Wortgetreue Bibelauslegung, Angst vor dem „Jüngschte Gricht“ und so.

Wenn in der Bibel steht: „Keiner kommt zum Vater, denn durch mich“ – das hat der gute alte Jesus mal geäußert – dann können Buddha und Mohammed nicht auch noch Recht haben. Oder?

Aber erklären sie das mal Ute! Die ist katholisch. Katholiken sind reizende Zeitgenossen. Aber völlig anders. Frauen sind ja sowieso schon anders – und dann erst Katholikinnen! Logische Widersprüche stören sie null. Ute sagt, ihr gehe es beim Glauben „mehr ums Gefühl“. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass Religion etwas anderes ist als ein Laden, in dem man sich das auswählen kann, was einem gerade gefällt.

Doch dann passierte etwas Nonverbales, dass die Situation radikal veränderte: Ich hatte Utes Schulatlas, mit dessen Hilfe wir den Weg nach Paris suchen wollten, beim Einsteigen auf dem Dach ihres Autos liegen gelassen. In einer scharfen Kurve wurde das Buch fortgeschleudert und löste sich in viele einzelne Karten auf. Ich schritt sofort zur Tat und rannte alle Straßen ab, um die Landkarten wieder einzufangen. Bis auf eine Übersichtskarte der Bodenschätze der USA hatte ich am Schluss wieder alle beisammen (das Herrschaftsgebiet der Amerikaner wird sich sowieso bald radikal vergrößern, da ist der Verlust der einen Karte zu verschmerzen). Durch meinen todesmutigen Einsatz konnte ich Ute wieder versöhnen. Ich bin eben ein Siegertyp.

Doch eigentlich wollte ich ja von Funny van Dannen erzählen: „Schon vor dem 11. September hat ich oft ein Scheißgefühl“ heißt mein aktuelles Lieblingslied. Besonders zu empfehlen sind auch: „Vladimir Putins Cousine“, „Schilddrüsenunterfunktion“ und „Nur du nicht“.

In der Kreuzberger Galerie „endart“ hängen übrigens auch mehrere Gemälde, die Funny geschaffen hat. Auf einem sind drei Männlein und fünf Mondsicheln, „Wenn der Mond grün wäre, wäre das Meer trotzdem blau“, steht darunter. Und am Samstag finden in der Galerie immer Nasenflöten-Konzerte statt. Diese seltenen Instrumente klingen ähnlich wie Mundharmonikas. Nur viel schöner. Ich habe aber trotzdem keine Zeit zu kommen. Muss „Grooveman“ hören.

Funny van Dannen: Grooveman, P & C Trikont, 2002 ( www.funny-van-dannen.de ). Galerie endart, Oranienstr. 36, Kreuzberg, Di – Sa 16 – 20 Uhr.

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