Zeitung Heute : Fußball als Leben

KLAUS ROCCA

Von heute an schwingt König Fußball wieder sein Zepter, wieder können die Fans für 90 Minuten all den Frust über Arbeitslosigkeit und Sozialabbau oder auch nur über den ganz gewöhnlichen Alltag vergessen.Diesmal noch zusätzlich den über die Pleite bei der Coupe du Monde.Die Fußball-Bundesliga gewissermaßen als Blitzableiter.Und als Modell-Sandkasten fürs "richtige" Leben: Tricks und Show, Kampf und List, Sieg und Niederlage - das fasziniert, weckt Begehrlichkeiten, schafft Identifikation.

So mancher wird wieder über dieses Spiel, das längst zur Gesellschaft gehört wie Kultur und Kunst, die Nase rümpfen, weil der Größenwahn längst zur Normalität geworden ist.Doch Bundesliga-Fußball ist nun einmal ein Wirtschaftsfaktor beträchtlichen Umfangs.Der Gesamtetat der 18 Klubs des Fußball-Oberhauses beträgt rund 670 Millionen Mark, allein die Trikot-Sponsoren pumpen über 100 Millionen DM in die Beletage der Kicker, mehr als 250 Millionen Mark Fernseh-Honorare gibt es zu verteilen, über 280 000 Dauerkarten wurden bereits an den Mann und die Frau gebracht - da verbietet sich Aufbegehren in einer Zeit, da Geld nun einmal die Welt regiert.

Natürlich, da sind auch die auf 600 Millionen Mark geschätzten Verbindlichkeiten der Klubs, doch die werden tunlichst verschämt verschwiegen.Schon deshalb, weil ungeachtet dieses immensen Schuldenberges wieder investiert wurde, als schriebe man nur schwarze Zahlen.Rund 113 Millionen Mark wurden gezahlt, um neue Spieler an Land zu ziehen.Und das, obwohl über 50 Akteure ihre Vereine zum Nulltarif verließen, nachdem die Verträge ausgelaufen waren.Doch wer wie Borussia Dortmund für einen mittelmäßigen Spieler wie Jörg Heinrich 25 Millionen Mark aus Florenz kassiert, weil jenseits der deutschen Grenzen der Transfer-Wahnsinn noch ganz andere Ausmaße angenommen hat, der kann leicht den Blick für die Realitäten verlieren.

Natürlich sind in dieser Zwei-Klassen-Gesellschaft die Gewichte wieder völlig unterschiedlich verteilt.Da sind die Nabobs, die aus München oder Dortmund, hier die armen Schlucker wie der Aufsteiger aus Freiburg, der für vergleichsweise lächerliche 800 000 Mark Neue in den Breisgau holte.Da ist die Berliner Arena mit ihren (noch) 76 000 Plätzen, da das Wolfsburger VfL-Stadion für gerade mal 20 000 Zuschauer.Die Schere wird bald noch weiter auseinanderklaffen.Wie tröstlich, daß der Meistertitel nicht käuflich ist.Da sind Coups wie die der Pfälzer Aufsteiger in der letzten Saison Lichtblicke in diesem eiskalten Geschäft, in dem mit dem Mehr an Geld auch ein wenig mehr an Menschlichkeit verlorengeht, Trainerstühle noch wackliger werden, Schiedsrichter noch anfechtbarer, Spieler noch austauschbarer.

Doch die Bundesliga ist nun einmal den Wandlungen unterworfen wie andere Bereiche auch.Über die Ausländer, die nach dem Bosman-Urteil ins deutsche Fußball-Oberhaus strömten, lamentiert nur noch der Bundestrainer, weil er in den Vereinen keinen Platz mehr für aufstrebende Talente des Landes sieht.Mit diesem Dilemma muß freilich nicht nur der Chefcoach des Fußballs leben.Weitere 40 ausländische Spieler haben in der Bundesliga angeheuert, sorgen für eine noch multikulturellere Szene.

Die Szene wird sich bald noch gravierender verändern, wenn die Europaliga, vielleicht schon im Jahr 2000, aus der Taufe gehoben wird.Schon jetzt von vielen verteufelt, wird sie in der Bundesliga möglicherweise für ein größeres Gleichgewicht sorgen, weil die Superreichen dann in der Superliga unter sich sind.Auf daß die Reichen noch reicher werden.Fußball - auch hier ein Spiegelbild des Lebens.

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