Fußball : Die grandiose Zeitverschwendung

Sie sind die Treuesten der Treuen, fahren zu allen Auswärtsspielen ihrer Fußballclubs - und fühlen sich betrogen. Seit die Bundesliga nicht nur am Samstag spielt, ist die Welt der Fans in Unordnung geraten.

Torsten Hampel[Geislingen],Rostock

Am Ende werden die Gedanken der beiden Männer bei Maria und Patrizia sein, die ihnen letzte Nacht das Herz gebrochen haben, und sie werden wissen, dass sie die Mädchen nie mehr wiedersehen. Sie werden in ihrer Heimatstadt Geislingen auf der Schwäbischen Alb aus dem Zug steigen, mit Bartschatten im Gesicht, seufzen und nicht daran zweifeln, dass ihre Reise nach Rostock einen Sinn hatte. Sie sind wegen eines Fußballspiels zwei Mal quer durch Deutschland gefahren, und wäre es dabei geblieben, sich ein Spiel anzusehen, alles wäre umsonst gewesen. Die eineinhalb Tage in der Eisenbahn, der Suff, der Siff. Aber sie sind ja zu Maria und Patrizia gegangen.

Die Fußballmannschaft des Vereins für Bewegungsspiele aus der Stadt Stuttgart wird in dieser Saison vielleicht in die zweite Bundesliga absteigen. Ihre Fans Jürgen Hild, 27, und Martin Traa, 32, haben in der laufenden Erstliga-Spielzeit bereits mitbekommen, wie es ist, eine zweitklassige Mannschaft zu mögen. Dort unten wird sonntags gespielt; in der ersten Liga bisher immer sonnabends. Seit einigen Jahren gibt es aber auch hier an jedem Wochenende zwei Sonntagsspiele. Das Auswärtsspiel in Rostock, zu dem Hild und Traa heute Morgen gegen fünf in Geislingen aufbrechen, ist für den VfB das zehnte dieser Art, eines kommt noch am übernächsten Wochenende. Das ist viel bei insgesamt 17 Auswärtsspielen.

Der erste Schluck Bier

Wir kennen uns auch schon lange jetzt, sagt Traa in der Regionalbahn nach Stuttgart zu Hild. Der drückt seine leer getrunkene Bierdose in den Blechmülleimer unter dem Abteilfenster. Es ist zehn nach sechs, und das Schlimmste haben die beiden hinter sich: den ersten Schluck am frühen Morgen. Danach schmeckt das Bier. Es geht darum, in Stimmung zu kommen, sagt Hild. Einen Alkohollevel zu erreichen, der einen die Dinge leichter nehmen lässt. Wer weiß, was noch kommt heute. Sie kennen sich aus mit diesen Dingen, seit zehn, fünfzehn Jahren fahren sie regelmäßig zu VfB-Spielen, sagt Hild. Mittlerweile ist es hell, der Zug schiebt sich in den Stuttgarter Hauptbahnhof.

Es geht darum, dass das Fernsehen so viele Anlässe wie möglich hat, Fußball zu bringen. Damit die Bundesliga viel Geld für die Übertragungsrechte von den Sendern fordern kann. Für das Wochenende heißt das: ein Spiel am Freitagabend, sechs am Sonnabend, fünf davon um halb vier, eines viertel nach acht, zwei Spiele am Sonntag halb sechs.

Jeder VfB-Dauerkartenbesitzer, sagt Hild im Interregio nach Würzburg, hat Post vom Bezahlfernsehsender Premiere World bekommen. Abonnieren Sie!, stand da drin. "Jetzt frag ich dich, wo haben die unsere Adressen her? Die Vereine verdienen, so wie es aussieht, mehr an den Premiere-Sachen als an Stadionbesuchern." Die werden von den Klubs nicht mehr gebraucht, auch nicht als Stimmungskulisse für die Fernsehzuschauer. Die kann man simulieren. "Im Berliner Olympiastadion haben sie schon mal Fangesänge aus dem Hertha-Block mit dem Mikro aufgenommen und verstärkt im ganzen Stadion übertragen", sagt Hild.

Die Fans kommen nach so einem Sonntagsauswärtsspiel nicht mehr nach Hause, weil keine Züge mehr fahren. Die Oberen in den Vereinen, sagt Traa, denen ist das egal. "Die halten uns doch für Affen." Die Fans, die dennoch der Mannschaft hinterherreisen, müssen sich die Nacht um die Ohren hauen und am nächsten Montag freinehmen.

"Heutzutage muss man das Leben genießen", sagt Traa, "und wenn man keine Frau hat, dann geht das noch." Er hat keine, Hild auch nicht. Sie haben keine Frauen, weil sie den Fußball lieben. Nicht umgekehrt. Es ist kurz vor acht im Interregio nach Würzburg, die zweite Dosenrunde ist ausgetrunken. Draußen fliegen Weinberge vorbei. Traa wird lebhaft, es gibt etwas zu rechtfertigen. Er redet auf Hild ein, dass es doch gut ist, was sie jede Woche machen, andere kämen schließlich 15 Jahre nicht aus Geislingen raus außer zur Arbeit, "und wir, wir erleben was, so wie heute". Zehn nach acht, dritte Dose auf.

Der Bundesliga sind ihre treuesten Freunde nicht mehr wichtig, denn sie hat neue. Die Gebildeten gehen heute ins Stadion und die Reichen, und sie zahlen viel Geld für ihre Stammplätze in den Glaslogen unter den Arenadächern. Zu Auswärtsspielen, um die Mannschaft in der Fremde anzufeuern, fahren die nicht.

Hild ist Maschinenbediener bei einer Autozuliefererfirma. Er steht an einer Presse, in die kommt heißer Kunststoff hinein, die Presse presst, und ein Armaturenbrett kommt heraus. Traa justiert Fräsmaschinen bei einem Betrieb für Holzspielzeug. Sein letzter Urlaub, in dem er weggefahren ist, ist neun Jahre her. Da war er auf Gran Canaria.

Dem Fan ist die Logik der Vereine fremd. Der Fan ist ein ausgesprochen unkapitalistischer Mensch. Seine Sache ist die grandiose Zeitverschwendung, das Zeitvertreiben zwischen zwei Zuganschlüssen, hier eine halbe Stunde, da zehn Minuten; zu Hause schreibt er akribisch Tabellen auf, archiviert Eintrittskarten. Manche fotografieren die Stadien, zum Beweis dafür, dass sie dort waren. Das ist ein richtiger Wettbewerb, Stadionsammler heißen Groundhopper.

Aber dealen, das müssen sie können. Hild arbeitet zwischen Weihnachten und Silvester, geht da nicht in Urlaub, damit ihm sein Chef während der Spielsaison welchen gewährt. Auch im August, zur Ferienzeit, bleibt er daheim, damit die Kollegen verreisen können. Die anderen kommen in der Welt herum. Hild und Traa dagegen, die im Lande bleiben, sie sind Kosmopoliten. Hild erzählt von einer Rostock-Fahrt im vergangenen Jahr, da seien sie nach dem Spiel am Sonnabend hinaus nach Warnemünde an den Strand gefahren. Wie selbstverständlich das Wort Warnemünde aus seinem Mund kommt, nicht mit der bloß aufgesetzten Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen L. A. sagen.

Halb zehn. Ab Würzburg sitzen sie im ICE, auch das Bier ist besser. Zwei Freunde, ein Dicker und ein Franke, sind zugestiegen und haben Jever in Flaschen mitgebracht. Aus den Gepäckablagen hängen die zwei roten Wollschals der Neuen, sauber aufgefaltet. Traa und Hild tragen ihre um den Hals. Als der Zug in den Hauptbahnhof von Hannover bremst, da kommt der Franke von der Zugtoilette, reißt die Arme hoch und brüllt "Aus-Aus-Auswärtssieg".

Als er, der Franke, noch ein Lehrling war, hat er sich einmal ein blassblaues VfB-Logo neben den linken Bizeps gestochen. Eine Woche lang, jeden Abend hat er dagesessen, 3000 Mal musste er zustechen. Mitgezählt hat er, weil es so weh tat. Am linken Unterarm hat er vorher probiert.

Zehn vor eins. Links sieht man die Hamburger Hafenkräne in den Himmel ragen. Der Dicke fängt an, auf den Boden zu aschen. Ein letztes Mal umsteigen, hinein in den Zug nach Rostock. Der Bahnhof dort ist eine Baustelle, Bundesgrenzschützer weisen den Weg zur S-Bahn. Hild weiß, dass die Rostocker Hooligans gewalttätiger sind als andere. Trotzdem nimmt er den Schal nicht ab.

Halb sechs beginnt das Spiel. Die Sonne ist am Himmel, eine Längshälfte des Stadions, die, in der die Stuttgarter und die Ersatzbänke stehen, wird von ihr beschienen, der grüne Rasen leuchtet. Die andere Spielfeldseite und die Tribüne für die Geldsäcke sind im Schatten. Die Gastgeber haben den 50 Stuttgarter Fans keinen eigenen Block zugestanden, so wie es anderswo überall üblich ist. Sondern sie haben sie mitten unter die Rostocker gesetzt. Hild hat Angst davor, dass ein Tor für seinen VfB fällt und sie dann jubeln müssen. Denn dann wird es Keile geben. Es fällt keins, bis zur Halbzeitpause nicht.

Ein böses Gerücht

Ein Gerücht spricht sich herum. Draußen würden ein paar Dutzend Stuttgarter vor dem Gästeeingang stehen und nicht hereingelassen werden. Das Stadion, das halb leer ist, sei ausverkauft, wird denen gesagt. Es reicht, Stuttgart verlässt geschlossen das Stadion. Draußen, vor dem Osteingang, redet ein junger Mann auf einen VfB-Fanbetreuer ein. Dass der Verein gerade eine Chance verpasst habe, mit erhobenem Haupt abzusteigen. Dass die Mannschaft, genau wie er, der seit 30 Stunden auf den Beinen ist, auch hätte das Stadion verlassen sollen. Er müsse morgen, am Montag, wieder daheim sein, denn da habe er ein Bewerbungsgespräch. Aber die Profis sind ja nicht auf seiner Seite, in Gedanken alle schon in der nächsten Saison und bei ihren neuen Vereinen.

"Mit erhobener Brust nach Hause kommen", das hat Hild am Morgen im Zug auch gesagt. Es war seine Antwort auf die Frage danach, wieso er sich die Fahrerei antut, warum er 10 000 Mark pro Saison an Bahn und Vereinskassen zahlt. Wegen der Überraschungen mache er das. Eine Saison lang kein Auswärtsspiel gewinnen und dann ausgerechnet in Dortmund Zeuge eines 4 : 0-Sieges sein, das ist großartig. Oder wie im Uefa-Cup 93, als der VfB im Hinspiel gegen Feyenoord Rotterdam 3 : 1 verloren hat, dann aber in Rotterdam 3 : 0 gewann. Rotterdam, sagt Traa, wo wir schon alles waren, was Jürgen?

Deshalb nehmen sie es den Spielern übel, dass sie nur ihre Schäfchen ins Trockene bringen, dass sie die Vereine wechseln wie die Hemden. Dass sie nicht kämpfen wie in Rotterdam. Und sie nehmen es dem Trainer Felix Magath, der in der vergangenen Saison Frankfurt vor dem Abstieg bewahrte, übel, dass er schon öffentlich resigniert.

Das Spiel ist seit vier Stunden aus, Hild, Traa, der Dicke und der laute Franke haben sich gerade aus einer Kneipe werfen lassen. Jetzt stehen sie in Rostock auf der Straße, es nieselt. Es gibt nichts mehr hier, was noch offen hätte, sagt der Taxifahrer, und dann fällt ihm doch noch etwas ein. Sie fahren zum Bordell, werden eingelassen trotz ihrer VfB-Tracht. Maria und Patrizia kommen, kriegen Piccolo spendiert. Der Franke ist besoffen genug, dass er, nachdem alle Mädchen abgewinkt haben, einschläft. Im Gang zum Klo auf einer Couch liegt er bis um vier.

Es ist nicht so, dass die Geislinger nicht wüssten, mit wem sie es da zu tun haben. Ihren Komplimenten ist es anzuhören. Hild sagt zu Patrizia: "Im Profil siehst du aus wie Steffi Graf." Und während sie dabeisitzt, schwärmt er Traa vor: "Schau dir mal ihre Haxen an." Traa hört seiner Maria nicht zu. Zehn Stunden später, im Interregio von Stuttgart nach Geislingen, weiß er schon nicht mehr genau, was sie ihm erzählt hat, ob sie nun aus Johannesburg stammt oder aus Petersburg. Er hat gesehen, dass eine Stunde, nachdem sie mit ihm 30 Minuten lang oben war, schon wieder jemand anderes mit ihr an der Bar saß und ihr die Knie streichelte. Aber die eine Stunde saß sie noch bei ihm, auf der Armlehne eines schwarzen Ledersessels in Rostock. Sie hat ihn gut behandelt in diesen 90 Minuten. Sein Klub, den er liebt, die Bundesliga, die sein Leben ist, denkt nicht daran.

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