Fußball-EM : Leichtes Spiel

Robert Ide

Nun geht sie endlich los, die WM. Was? Nein, die EM. Haben Sie sich auch schon beim Versprechen ertappt? Es ist nicht mehr einfach, Fußball zu sehen ohne das Sommermärchen im Kopf. Viele Deutsche hoffen bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz auf eine Fortsetzung. Kann man Gefühle auf Wiedervorlage legen?

Auf den Straßen fahren wieder mit Fahnen geschmückte Autos (in Berlin auch viele mit türkischem Halbmond), selbst Hunde können patriotisch sein: Ein Hamburger Geschäft stattet sie mit T-Shirts in Landesfarben und Aufschriften wie „Michael Ballhund“ oder „Lukas Dogolski“ aus. Die Leichtigkeit soll zurückkehren auf die sonnendurchfluteten Plätze vor den Leinwänden. Wenn jetzt noch die echten Ballacks und Podolskis dem Ball richtig hinterherhecheln, könnte es klappen. Sommermärchen, Teil zwei? So weit wird es nicht kommen. Muss es auch nicht.

Bei der WM 2006 ist das Leben leicht geworden wie ein fliegender Fußball. In den Stadien begeisterte eine Mannschaft, die Jürgen Klinsmann zu einer übersinnlichen Krafteinheit zusammengefügt hatte – und draußen staunte das Volk über den eigenen fast selbstverständlichen Patriotismus. Die Fahne ein Schmuck, die Hymne ein Fanlied – so zirkulierte das Land in einen weltgewandten Ausnahmezustand. Die Gäste waren begeistert, und die Gastgeber genau darauf stolz.

Fußballspiele können die Welt nicht ändern, sie können nur vor Augen führen, wie sich eine Gesellschaft wandelt. Sport macht bewusst, indem er in Erregung versetzt. Bei der WM war es noch eine Überraschung, Angela Merkel auf der Stadiontribüne jubeln zu sehen. Inzwischen analysiert die Bundeskanzlerin im Halbzeitstudio mit. Auch sie hat an Leichtigkeit hinzugewonnen.

Die Deutschen sind heute ganz selbstverständlich bei sich, sie können lachen, ohne ihre Geschichte zu vergessen, sie mögen sich. In der Welt ist das Land beliebt wie selten, wegen der Nichtteilnahme am Irakkrieg, wegen der WM. Berlin – die Stadt, die so viel Geschichte in sich trägt und so viel Leichtigkeit in sich aufzunehmen vermag – ist ein Magnet Europas. Warum also soll man nicht wieder die Fahnen aus dem Schrank holen und die Nationalhymne aus dem Gedächtnis?

Fankultur ist Freizeitkultur: so global wie der Fußball, aber mit regionalem Halt. Sie lässt sich trefflich vermarkten, gibt Eventkunden ein gutes Gefühl. Die Fanfolklore beim Fußball ist so etwas wie das Lederhosenplattlern beim Oktoberfest: charmant und im Grunde harmlos. Mit den Fans, die im Stadion ihre eigenen Gesänge skandieren wollen, hat das nicht mehr viel zu tun. Sie sind – schon wegen der Preise – nicht mehr die Masse.

Die deutsche Nationalmannschaft ist keine übersinnliche Gemeinschaft mehr, die sich zum Sieg in der Nachspielzeit peitscht. Unter Bundestrainer Joachim Löw hat sie sich zu einem durchorganisierten, weltgewandten Profiteam entwickelt, das sich, recht selbstverständlich, den Europameistertitel zum Ziel gesetzt hat. Womöglich fehlt der Mannschaft ein Schuss Risiko, doch an Sympathien mangelt es ihr nicht. Auch der DFB gibt sich längst modern und stilsicher. Nur auf dem Platz wackelt die Abwehr noch ein bisschen. Aber Zufall muss schließlich auch noch mitspielen dürfen. So bleibt der Fußball leicht.

Die EM 2008 ist keine WM, zweiter Teil; kein Sommermärchen reloaded. Damals war die Welt zu Gast bei Freunden. Heute ist Deutschland bei sich, zu Hause.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben