Zeitung Heute : Fußball-Fremdenlegionäre mit feinen Finten und Finessen

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Die letzten Minuten quälten sich für den Trickkünstler "wie im Zeitlupentempo" dahin."Hundemüde" sei er übers Spielfeld des Pariser Prinzenparkstadions gekrochen, sagte später Nigerias Fußball-Zauberer Augustine Okocha, "meine Beine waren schwer wie Blei".Doch die verzweifelten Last-Minute-Bemühungen der spät erwachten Bulgaren, die mit aller Macht auf den 1:1-Ausgleich drängten, veredelten für den Ex-Frankfurter im nachhinein nur den zweiten siegreichen "Tour de France"-Auftritt seiner "Super Eagles": "Wir bieten die Spannung, das große Spektakel, die Aufregung bei dieser Weltmeisterschaft." Keiner der Zuschauer, sagte Okocha schmunzelnd, "geht nach unserem Spiel gelangweilt nach Hause".

Die feinen Finten und Finessen, die kleinen Fußball-Delikatessen mit Beinschuß und Übersteiger lieferte freilich beim 1:0-Triumph, der schon die Achtelfinal-Qualifikation besiegelte, vorwiegend einer in der Truppe nigerianischer Fußball-Fremdenlegionäre: Okocha, genannt "Jay Jay", der Chefdirigent mit dem karottenrot gefärbten Kraushaar.Der inzwischen bei Fenerbahce Istanbul beschäftigte Gast-Arbeiter, früher bei der Frankfurter Eintracht für verrücktes und kurzweiliges Fußball-Entertainment zuständig, lieferte den 48 000 Zuschauern in der Arena und den Millionen Fern-Sehern eine höchst unterhaltsame Show."Langweilig ist es bei mir nie", eröffnete Okocha den Reportern später.

Der Schelm, immer für einen Überraschungseffekt auf dem Rasen gut, war auch Ausgangspunkt des einzigen, für den Triumph ausschlaggebenden Tores: Okochas Zuspiel fand in der 26.Minute den wendigen Angreifer Amokachi, und dessen perfekte Paß-Weiterleitung verwertete Afrikas "Fußballer des Jahres 1997", Victor Ikpeba, zum umjubelten Führungstor."Jetzt ist noch einiges drin für uns bei diesem Turnier", prophezeite Okocha, "wir haben eine Chance, bis ins Halbfinale zu kommen." Aber die plötzlich ganz großen Erwartungen daheim in der fußballverrückten Heimat muß Okocha denn doch vernünftigerweise dämpfen: "Ich stelle mich nicht hier hin und sage: Wir werden Weltmeister."

Mit seiner Forderung nach einem vorwärtsgewandten, eher am Risiko als an der steten Rückversicherung orientierten Spiel hat sich Okocha im nigerianischen Team als tonangebender Wortführer durchgesetzt.Der Druck, den die vom Trainer-Kosmopoliten Bora Milutinovic glänzend präparierten Nigerianer in der ersten halben Stunde auf die zänkische, zerstrittene bulgarische Altherrentruppe ausübten, kam Okochas Idealvorstellung vom eigenen mannschaftlichen Wirken nahe: "Das ist unser Stil: druckvoll, stürmisch, total dynamisch." Nur die Leichtfertigkeit der gelegentlich zu verspielten Afrikaner ermöglichte den Bulgaren um ihr permanent lamentierendes Fußball-Ekel Hristo Stoitschkow überhaupt noch einmal die Hoffnung auf ein glückliches Finish: "Zur Halbzeit", so Okocha, "hätte eigentlich alles klar sein müssen."

Die äußerst lebendigen Nigerianer, die beim bisher ungebremsten WM-Siegeszug mit technischer Klasse und taktischer Disziplin alle vor dem WM-Turnier geäußerten Untergangsprophezeiungen aus Europa Lügen straften, haben nebenher ihren Marktwert an der internationalen Fußball-Börse beträchtlich gesteigert.Auch eine von Okocha durchaus gewünschte Rückkehr in die Bundesliga dürfte Interessenten nun teurer zu stehen kommen."Wir wollen schließlich auch mal reich werden", sagt Okocha dazu mit gewohntem Schalk."Kontakte nach Frankfurt, zur Eintracht, Jay-Jay?" ruft fragend ein Berichterstatter vom Main beim Plausch im Medien-Kontakthof der sogenannten "Mixed Zone"."Nur zu meiner Freundin", gibt der Rastelli grinsend zurück.

Das letzte Vorrundenspiel gegen Paraguay können die in der erweiterten Spitze des Weltfußballs gut positionierten Nigerianer geruhsam angehen."Der Druck des Qualifizierens ist weg", sagt Okocha.Auch als Erster in ihrer Gruppe stehen die Afrikaner fest.Erster in der sogenannten "Todesgruppe" mit Spanien, Bulgarien und Paraguay - das bringt neben "stolzen Gefühlen" (Trainer Milutinovic) vermutlich auch noch den unschätzbaren Vorteil, einem gefährlichen Showdown mit dem WM-Hausherren Frankreich aus dem Wege zu gehen."Gegen die", sagt Okocha, "können wir ja später immer noch spielen." So spät wie nur möglich.

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