Zeitung Heute : Fußball ist unser Fernsehleben

JOACHIM HUBER

Die Nation ist gerettet.Fußball im Fernsehen wird auch weiter nicht exklusiv von Millionären für Millionäre gespielt, sondern für ein Publikum von MillionenVON JOACHIM HUBERDer freie Zutritt ins Stadion ist gekoppelt mit der freien Sicht auf den Bildschirm.Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat mit seinem Urteil über die Kurzberichterstattung den Ball extrem flach gehalten.Im Sinne der Fans erhält der Fernsehfußball nachgerade den Charakter eines Grundrechts.Dieser Sport, übers Medium transportiert, ist Dienst am Gemeinwohl.Wer darin bloße Unterhaltung sieht, der verkennt die Identifikationsmöglichkeiten im lokalen und nationalen Rahmen; der Sport sei Anknüpfungspunkt für eine breite Kommunikation in der Bevölkerung, urteilen die Fußballer vom BVerfG Karlsruhe. Zugleich wird dem bundesweit verbreiteten und empfangbaren Fernsehen seine herausgehobene Stellung in Medien-Deutschland bestätigt.Die nationale WG aus Fernsehen und Zuschauer läßt das Verfassungsgericht wieder an plurale Informationsvermittlung, an ausreichende Maßnahmen gegen Informationsmonopole erinnern.Der Belzebub Fernsehen steht gemäß Karlsruher Rechtsprechung über seine Mittel und Möglichkeiten in besonderer Pflicht und Verantwortung.So klein der Bildschirm, so gewaltig seine Verbreitung: Hier werden Themen, Personen und Ereignisse vergrößert wie vergröbert, zu allgemeinem Interesse und singulärer Bedeutung hochgesendet.Daran kann keiner, der es mit diesem Medium ernst meint und es ernst nimmt, vorbei.Das Phänomen Fußball ist dann als Fußball im Fernsehen zur besten Sendezeit ein Massenphänomen.Hohe Feiertage der Massenkommunikation werden abgehalten.Mit der Pflicht zur Teilhabe, mit dem Recht zur Teilnahme. Ein Fallrückzieher-Tor von Jürgen Klinsmann, ein millimetergenauer Paß von Mario Basler, und Millionen Mitmenschen haben blendende Laune, lassen den Konsum boomen und sind nachsichtig mit ihren Politikern.Ein entscheidendes Fußballmatch auf dem Bildschirm bildet Gemeinschaft, das Medienereignis führt die Gesellschaft zusammen.Das hohe, das abstrakte Wort der Sozialbindung von Eigentum wird kaum anderswo so breit eingefordert und so konkret ausgelegt. Der aktuelle Spruch aus Karlsruhe setzt beides in ein Gleichgewicht.Unzweideutig anerkannt ist der Erwerb von Fernsehrechten durch Sender mit dem Ziel, eine Partie exklusiv und live auszustrahlen.Wenn Fußball der Extraklasse in Deutschland gespielt werden soll, dann muß die wichtigste Finanzierungsquelle des Sports kräftig sprudeln können.Elite-Fußball ist ohne Fernsehgelder nicht zu haben.Das erworbene Recht auf alleinige Übertragung ist von Karlsruhe noch geweitet worden.Wenn auch alle Fernsehsender einen Kurzbericht von maximal 90 Sekunden ausstrahlen dürfen, so muß dies nach einer Karenzzeit geschehen.Bislang räumten die Mediengesetze Berichterstattung bei noch laufendem Ereignis ein.Die Gefahr sollte ein für allemal gebannt sein, desgleichen, daß der Rechteverkäufer dem Kurzberichterstatter seine Säuernis mit maßlosen Entgeltforderungen in Rechnung stellt.Karlsruhe hat dem Gesetzgeber eine angemessene Gebührenregelung aufgegeben. Der Blick des Ersten Senats geht über die 90 Minuten von einem Sender für alle Zuschauer und die 90 Sekunden aller für alle hinaus.Mehr als nur streifend faßt er die künftige Frage von Fußball im bezahlten Fernsehen an.Im Kanon bisher gefaßter Leitvorstellungen der Rundfunkfreiheit wird unübersehbar die Stirn gerunzelt, falls Sport und Sender die Stadiontür von innen zuhalten wollen, auf daß nur Pay-TV-Publikum in den Zuschauerraum kommen darf.Davon mögen Verbände und Vereine träumen, das Bundesverfassungsgericht erkennt auf Volkssport gegen Eintritt ohne Extragebühr.Die durchgängige Kommerzialisierung des Fußballsports mittels TV geht in Ordnung, sofern die Grundversorgung des Publikums garantiert ist - gleich, ob auf privatem oder öffentlich-rechtlichem Übertragungswege.Entscheidend sind niedrige Zugangsbedingungen.Die verfassungskonformen 90 Fernsehsekunden stellen sich dar als Anstoß zu 90 frei zugänglichen Fernsehminuten.Auch die Richter in Karlsruhe sehen Fußball lieber im Free-TV als im Bezahlfernsehen.

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