Zeitung Heute : Fußball-WM 2002: Lasst Kirch im Fernsehdorf

Joachim Huber,Markus Huber

Die Pressemitteilung vom 8. Januar 2001 hat Bestand: "ARD und ZDF haben sich mit der Kirch-Gruppe auf einen Vertrag über die Live-Berichterstattung von der Fußball-WM 2002 geeinigt. Der Vertrag sieht ein Live-Paket von 24 Spielen vor." Der 225 Millionen Mark schwere Deal steht unter Vorbehalt, die ARD-Intendanten wie der ZDF-Verwaltungsrat müssen noch zustimmen. Am Ja dieses Gremiums besteht kein Zweifel, anders bei den ARD-Chefs. Hinter den Kulissen gibt es Kritik an Verhandlungsführer Albert Scharf - Intendant des Bayerischen Rundfunks - und am Verhandlungsergebnis: zu teuer, ausgerechnet Leo Kirch habe man die Taschen gefüllt. Und dann schwebt da der Verdacht, ZDF-Chef Dieter Stolte hätte eine Nebenabsprache mit Kirch getroffen, wonach die Bundesliga-Rechte vom Kirch-Sender Sat 1 zum ZDF wandern würden. Schon deshalb müsse der WM-Deal platzen.

In ZDF-Kreisen ist man verwundert. Die Summe für die Fußball-WM 2002 müsse mit dem Transfer von Pay-TV-Rechten an den Olympischen Spielen der nächsten Jahre an Kirchs Premiere World verrechnet werden. Blieben 150 Millionen Mark cash, die sich ARD und ZDF teilen müssen. Diesem Aufwand stünden Einnahmen bei Werbung und Sponsoring in geschätzter zweistelliger Millionenhöhe entgegen. ZDF-Mitarbeiter lassen nicht unerwähnt, dass die teilweise in der ARD verbreitete Furcht, der Vertrag für 2002 biete keine Option für die Fußball-WM 2006, unbegründet sei. Es werde übersehen, dass ARD und ZDF über die Olympia-Rechte bis 2008 verfügten. Außerdem, muss jedes Spiel der Fußball-EM 2004 live bei ARD und ZDF laufen - und nicht bei Premiere World?

Bleibt die Frage der Bundesligarechte, bisher bei Sat 1. Eine Umfrage unter den Fernsehsendern zeigt, dass eine ARD-"Sportschau", ein "Sport-Studio" des ZDF, "Ran" von Sat 1 oder eine RTL-Sendung ab 22 Uhr unisono abgelehnt wird. Zwar sind die Milliarden für die Bundesliga-Rechte schon heute nicht refinanzierbar, doch am späten Abend würde das Defizit weiter klettern. Interesse wird nur dann angemeldet, sofern zur heutigen "ran"-Anstoßzeit um 18 Uhr 30 berichtet werden könnte. Da sieht die ARD die Wiederauferstehungschance ihrer "Sportschau", da ist RTL hellwach. Ein ARD-Sprecher sagte, "eine Bundesliga-Zusammenfassung um 22 Uhr ist nicht so wertvoll, bei 19 Uhr würden wir Gewehr bei Fuß stehen". Spätestens jetzt ist die Rechte-Affäre für Kirch uninteressant geworden. Er denkt maximal, will sein Pay-TV Premiere World dadurch attraktiver machen, dass im Free-TV die Liga erst ab 22 Uhr auf den Schirm kommt. Alle Live-Spiele vom Sonnabend ohne Free-TV-Konkurrenz um 18 Uhr 30 - da müsste der Dekoder-Absatz für das hochdefizitäre Premiere World endlich anspringen. Zudem wäre er bei Sat 1 den Finanzbrocken für die "ran"-Bundesliga los.

So mag Leo Kirch denken, aber die potenziellen Mitspieler denken anders. Allen voran der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der trotz der eigenen und der Geldgier seiner Profi-Klubs den Fernseh-Fußball-Fan nicht vergessen darf. Hier muss erstens nach der verunglückten Fußball-EM neues Vertrauen gewonnen worden, andererseits wäre der Fan mehr als vergrätzt, würde ihm die über Jahrzehnte gewohnte Berichterstattung zeitnah zum Schlusspfiff entzogen. Nicht ohne Bedacht hat der DFB in den Verträgen mit Kirch diesen Passus einrücken lassen. "22 Uhr ist nicht mehr zeitnah und somit nicht im Geiste des Vertrages", sagte DFB-Ligadirektor Wilfried Straub. Allerdings schloss er Gespräche über eine Modifizierung des Vertrages nicht grundsätzlich aus. Kirch hat eben das Geld und damit Macht.

Kein Sender möchte sich jedoch die Gunst der Fans als Fernsehzuschauer verscherzen. Und die wäre verscherzt, wenn nach einem Deal mit Leo Kirch der Ball erst nach dem "Wort zum Sonntag" rollen würde. Wie sehr der Münchner Medienunternehmer unter Druck steht, belegt die Information, dass Premiere analog am 10. März die Bundesliga-Konferenz unverschlüsselt ausstrahlen will. Wg. Abonnenten-Werbung.

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