Zeitung Heute : „Fußballer sind für mich zu klein“

Die Suche nach dieser Frau (1,76 m) lief als Geheimaktion des ZDF. Nun will sie die wichtigste Regel ihrer Zunft verletzen – und Sportler nicht duzen.

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Katrin MüllerHohenstein, 40, ist die Neue im „Aktuellen Sportstudio“. Vor elf Jahren wurde diese Sendung zum letzten Mal von einer Frau moderiert. Müller-Hohenstein begann 1992 als Reporterin bei Antenne Bayern, wo sie immer vormittags zu hören ist. Am kommenden Samstag ist sie im ZDF zu sehen.

Interview: Joachim Huber und Barbara Nolte Frau Müller-Hohenstein, Sie machen Radio und wagen sich jetzt ins Fernsehen, noch dazu in die Männerbastion „Sportstudio“. Sie trauen sich ja was.

Es war ein Kollege, der mir einen Artikel unter die Nase hielt, in dem in einem Nebensatz stand, dass das „Sportstudio“ nach wie vor eine Frau sucht. Der Kollege sagte: Da rufst du jetzt an. Ich sagte: Nee, mach’ ich nicht. Drei Wochen später stand wieder in der Zeitung, dass sie noch händeringend eine Frau suchen. Da habe ich dann angerufen.

Also doch ein bisschen Angst.

Das „Sportstudio“ ist die deutsche Traditionssendung für Sport. Ich dachte, die werden sich bedanken, wenn die Frau Müller aus Ismaning anruft: Grüß Gott, ich würde gerne mal ... Es war aber nicht so. Ich hatte gleich den Sportchef am Telefon. Ich erklärte ihm, dass ich nur Radioerfahrung habe.

Und der fragte, wie Sie denn so aussehen?

Nein, ich sollte ein paar Arbeitsproben schicken. Später lud mich der Chef des „Sportstudios“ Thomas Fuhrmann in Mainz an einem geheimen Ort zum Kaffee ein. Ich musste dann noch zum Casting in ein geheimes Studio. Alles sah ein bisschen nach improvisiertem „Sportstudio“ aus: Kameras waren aufgebaut, die Torwand, ein kleiner Interviewtisch.

Warum die Geheimniskrämerei?

Vielleicht, weil der öffentliche Druck so groß war. Anfang letzten Jahres hatte der Chefredakteur Nikolaus Brender auf einer Pressekonferenz gesagt, dass das ZDF auf der Suche nach einer Frau fürs „Sportstudio“ sei. Fortan herrschte eine gewisse Not in der Redaktion, weil sie natürlich suchen mussten, wenn der Chef das so ankündigt, aber wohl niemanden fanden. Die waren ziemlich verzweifelt. Seit dem Start der Bundesligasaison verging offenbar kein Tag, an dem nicht irgendjemand anrief und fragte: Habt ihr endlich eine gefunden?

Fünf Frauen sind schon an der Sendung gescheitert.

Oder gescheitert worden. Ist auch ein schöner deutscher Satz. Ich glaube, ein Fall Carmen Thomas würde heute nicht mehr passieren.

Von ihr stammt das berühmte „Schalke 05“, was seitdem sinnbildlich für die Unvereinbarkeit von Frauen und Fußball steht.

Carmen Thomas ist über ganz andere Dinge gestolpert. Wie mit ihr damals umgegangen wurde, ist eine schallende Ohrfeige für jede Frau.

Ein falsches Wort, und die Moderatorin muss vor die Studiotür. Im Sportjournalismus haben Frauen nicht viel zu melden.

Nicht hier bei Antenne Bayern. Bis vor kurzem gab es samstagnachmittags eine große Bundesligasendung, die ich moderiert habe. Wenn ich mal ausfiel, war das eine Katastrophe. Ich war bisher in meinem Leben nur mit Männern zusammen, die überhaupt keine Ahnung von Fußball hatten.

Und Ihr Ehemann?

Null. Deswegen ist für mich die Situation so erstaunlich, dass ich als Frau mit Fußballkenntnissen als Wundertier behandelt werde, weil es in meinem Bekanntenkreis eben genau andersherum ist.

Hatten Sie nie einen Fußballerfreund?

Nein, mal einen Handballer. Ich fand die Fußballer nie so erstrebenswert, schon weil ich 1,76 Meter groß bin, und die meisten Fußballer sind eher mittelgroß.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind Sie die Pionierin – zusammen mit Monica Lierhaus.

Wir schreiben das Jahr 2006, wir haben mittlerweile eine Bundeskanzlerin, da kann es doch nicht so ein Riesending sein, wenn eine Frau eine berühmte Sportsendung moderiert. Ich glaube, auch beim ZDF sehnt man sich nach einer gewissen Normalität. Denen ist auch bewusst geworden, dass es vielleicht ein bisschen eigenartig ist, wenn da nur Männer herumspringen, weil das nicht unbedingt den Querschnitt der deutschen Bevölkerung widerspiegelt.

Als Sie mit Sportjournalismus anfingen, sind Sie da schräg angeguckt worden?

Nein. Schon beim Nürnberger Radio Gong, bei dem ich volontierte, habe ich viel über Handball machen dürfen. Das ist das Gute am Privatradio: Wir mussten keine zehn Anträge ausfüllen, bevor wir irgendwo loslegen konnten. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen und konnten üben und uns bewähren, auch wenn mal Dinge total in die Hose gegangen sind. Aber selbst Nikolaus Brender sagte so schön, ich dürfte alle Fehler machen, die auch ein Mann machen darf.

Wir glauben eher, dass Nikolaus Brender damit sagen wollte, Sie sollen gar keine Fehler machen.

Klar will ich keine Fehler machen. Doch gegen Versprecher kann man sich nicht wappnen. Wir hatten kürzlich ein Interview mit dem neuen Trainer von Schalke 04, Herrn Slomka. Den habe ich nicht als Chefcoach, sondern als Chefkoch vorgestellt. So was ist überhaupt nicht schlimm.

Für Sie wurde der ehemalige „Sportstudio“-Chef Dieter Kürten als Moderationscoach engagiert.

Ja. Godfather Dieter. Er soll ein bisschen die Hand über mich halten. Manchmal versucht er auch, mich aus der Reserve zu locken, dann schreit er mir in meinen Knopf im Ohr, um mir einfach das Gefühl dafür zu geben, was da alles passieren kann.

Und?

Ist okay. Ich kenne vom Radio die Situation, dass man sich auf irgendwas konzentrieren muss, und gleichzeitig rufen einem fünf Menschen von allen Seiten zu, auf was man bitte noch achten soll. Es wird anfangs sicher auch Pannen geben. Aber das ist doch genau das, worauf die Zuschauer warten.

Außerdem bin ich keine 20 mehr. Am Tag vor der ersten Sendung wird mir schön die Muffe gehen, aber im Moment denke ich mir: Hey, es geht hier nicht um die Zukunft der Republik. Wir haben bei Antenne Bayern in den letzten Wochen über das Unglück von Bad Reichenhall berichtet. Und da soll ich mich darüber aufregen, dass mein Kindheitstraum in Erfüllung geht?

Geht es im Coaching auch darum, wie Sie damit umgehen, dass Sie eine Frau sind?

Das ist tatsächlich die Frage, um die sich alles dreht: Wie präsentierst du dich. Und das Schlimme ist, dass einem jeder was sagt. Der Erste sagt: sei langsamer, der Zweite sagt: sei schneller, der Dritte sagt: halt den Kopf nicht schief, der Vierte sagt: bewege den Arm nicht. Jeder hat einen guten Tipp für einen, und man ist zum Schluss völlig kirre.

Die entscheidende Frage ist: Rock oder Hose?

Es gibt sogar eine Stylistin, und trotzdem redet wieder jeder mit. Mir ist klar, dass die Optik eine wichtige Rolle spielt. Aber wenn das so weitergeht, ziehe ich einfach meine Jeans an. Ich bin ja nicht bei einer Misswahl.

Welches Argument spricht für einen Rock?

Mit Argumenten sind die mir noch nicht gekommen. Wahrscheinlich bedeutet Rock Frau: Wir zeigen jetzt, dass du eine Frau bist. In der Hose kann man sich dafür selbstverständlicher bewegen. Die Frage ist, geht man da gleich so offensiv ran oder gewöhnt man die Zuschauer langsam ein.

Haben Sie eine Idee, wie man Sport so präsentieren kann, dass mehr Frauen zuschauen?

Vielleicht, indem man den HSV-Spieler Rafael van der Vaart auch mal nach seiner Frau fragt. Sylvie van der Vaart ist in jeder Zeitung, sie ist die neue Victoria Beckham. So etwas finden die Männer im Übrigen auch interessant: Die wissen genau, wo sie während des Spiels sitzt.

Duzen oder siezen Sie die Spieler?

Ich würde nie jemanden duzen. Das finde ich ganz furchtbar. Wenn du mit jemandem per du bist, schließt du die anderen aus. Die Zuschauer können das vielleicht gar nicht so in Worte fassen, aber sie spüren es.

Günter Netzer sagte mal: Wer noch keine kurzen Hosen anhatte, versteht nichts vom Fußball. Dann wären die Männer letztlich doch die besseren Fußballberichterstatter.

Nein, Maybrit Illner war auch nie in der Politik und macht hervorragende Sendungen. Was wir im „Sportstudio“ präsentieren, ist die Weiterdrehe der „Sportschau“. In der „Sportschau“ werden die Tore gezeigt, und wir schauen dann nach, ob der Trainer schon rausgeflogen ist. Dazu brauche ich keine hochspezialisierten taktischen Fußballkenntnisse.

Haben Sie selbst mal Fußball gespielt?

Als Kind mit meinem Bruder und den Nachbarsjungen. Wir wohnten damals in Erlangen in der Nähe eines Waldes, und in einer Lichtung hatte die Stadt Tore aufgestellt. Am Schluss stand ich immer im Tor: in den hellblauen Fußballschuhen mit den gelben Streifen. Ich dachte mir, besser im Tor als gar nicht. Ich bin eine katastrophale Fußballspielerin, dabei kann ich mit Bällen eigentlich ganz gut umgehen. Ich hatte Sport-Leistungskurs und habe in Volleyball Abitur gemacht. Das ging auch. Aber ich habe es nicht mit dem Fuß. Das Einzige was ich gut kann, ist flanken von rechts.

Und Kopfbälle?

Klar kann ich das, aber ich weiß vorher nicht so genau, wo sie dann hingehen.

Vor zwei Jahren lief der Film „Das Wunder von Bern“. Männer wie der ehemalige Kanzler Schröder hatten Tränen in den Augen. Gibt es das – dieses eine Spiel, das alles verändert?

Ich habe als Kind immer zusammen mit meinem Vater vor Fußballübertragungen gesessen. Ich glaube, man muss eine Begeisterung für den Fußball haben, und die hat man entweder, oder man hat sie nicht. Die bekommt man nicht plötzlich mit 17 Jahren oder mit 25. Meinen Bruder zum Beispiel haben die Fußballspiele nie interessiert.

Liegt es denn an der Rollenverteilung in Ihrer Familie, dass Sie im Sportjournalismus so selbstverständlich klarkommen?

Das glaube ich nicht. Eher daran, dass ich mich in meinem ganzen Leben viel auf mich verlassen habe. Vielleicht agiere ich deswegen aus einem anderen Selbstverständnis heraus. Ich brauche niemanden, der mich unterhält, der mir Luft zufächelt oder der mir ständig Kraft spendet. Ich bin da auch ganz gut alleine. Dieses ewige Wir-reiten-hier-auf-Geschlechterrollen-rum finde ich einfach total unselbstverständlich.

Aber Ihr Doppelname!

Ich heiße schon immer Müller-Hohenstein. Meine Eltern heißen so, mein Sohn heißt auch so.

Ein schwieriger Name für eine Moderatorin. Klingt fast wie Loriots Müller-Lüdenscheid.

Ich kenne jeden Witz über meinen Namen. Ich hatte mal eine Sendung, da war die Skiläuferin Christa Kinshofer-Gütlein im Studio. Da haben wir uns beide vorgestellt, und die Sendung war fast rum. Christa Kinshofer-Gütlein im Gespräch mit Katrin Müller-Hohenstein. Bei Antenne Bayern nennt man mich einfach nur kmh. Das ist okay.

Müsste eine emanzipierte Frau nicht sagen: Okay, Frauen können ganz vieles, aber Fußball spielen können Männer nun mal viel besser. Der Ball kullert bei uns immer nur so rum.

Nee, ich finde nicht, dass die kuller-kuller spielen. Haben Sie das WM-Finale gesehen, als die deutschen Frauen Weltmeister wurden? Das war ein großartiges Spiel. Da waren selbst die Männer plötzlich Frauenfußball-Fans. Sonst dürften sich Frauen ja überhaupt nicht mehr sportlich messen. Eine Toptennisspielerin verliert auch gegen einen drittklassigen Mann. Ich finde es schade, dass beim Damen-Pokalfinale nur ein paar hundert Zuschauer auf den Rängen sitzen, bei den Herren anschließend das Stadion ausverkauft ist.

Warum schlagen die Frauen nur so schlechte Eckbälle?

Das stimmt. Das dachte ich mir bei der WM auch. Die kommen nicht hoch rein. Ja. Aber trotzdem, die rennen. Das ging richtig fix.

Erklären Sie uns, was ist es, das so viele Menschen am Fußball begeistert.

Die Einfachheit: 22 Leute, ein Ball, Linien. Dass aus so etwas Einfachem so eine große Euphorie entstehen kann, finde ich großartig. Gehen Sie mal ins Stadion, wenn ein Derby stattfindet und hören Sie einfach nur, was da passiert.

Haben Sie eine Dauerkarte für einen Verein?

Ich hatte lange eine Dauerkarte für die Bayern. Und in der Pause aß ich im Olympiastadion eine Bockwurst und trank ein Bier. Das war mein Ritual. Jetzt in der Allianz-Arena habe ich mir noch nie etwas geholt. Da braucht man so eine Guthabenkarte, die man erst aufladen muss. Die habe ich nicht.

In der Allianz-Arena sitzen Manager in ihren Logen und schlürfen Cocktails. Stört es Sie, dass Fußball seine Bodenständigkeit, Schmutzigkeit verliert und immer mehr zum großen Geschäft wird?

Wenn es jemand schafft, aus einem Fußballverein ein derart florierendes Wirtschaftsunternehmen zu machen, wie es Uli Hoeneß gelang, dann ziehe ich vor diesem Menschen den Hut. Wenn Sie aber mit schmutzig meinen, dass die Spieler auch mal einem Ball hinterherrennen, dass sie ihr Letztes geben, dann muss der Fußball unbedingt schmutzig sein.

Nervt es Sie, dass der Leistungsstand der Nationalmannschaft immer als Metapher für den Zustand des Landes herangezogen wird?

Ich glaube jedenfalls nicht, dass man am deutschen Fußball ablesen kann, wie es um unsere Nation bestellt ist. Andererseits würde es einen unglaublichen Motivationsschub fürs Land geben, wenn die Nationalmannschaft sehr weit käme bei der WM. Ob ich da selbst fürs ZDF berichten werde, weiß ich noch nicht. Aber egal welche sportlichen Großereignisse es sind, ob Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften – ich werde zum Fernsehjunkie. Zur letzten WM habe ich mir eine Deutschlandfahne selber genäht. Mein Sohn war sechs, da haben wir gesagt, jetzt fängt die Fußball-WM an, jetzt brauchen wir mal eine ordentliche Fahne. Ich habe mir im Laden Futterstoff geholt: in Gelb, es gab kein Gold, aber Gelb ist auch gut, Gelb, Rot, Schwarz. Die Fahne ist ein Riesenteil. Die steht im Wohnzimmer in der Ecke, damit ich sie jederzeit zur Hand haben kann.

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