Zeitung Heute : Fußballfieberkurven

Am Anfang waren der Matsch und miese Spiele – konnte das noch ein Märchen werden? Ja! Heute steht Deutschland im Finale. Zum großen Tag: Kleine Geschichten der vergangenen drei Wochen, aus Bern, aus Wien und den Herzen der Fans

Sven Goldmann[Bern],Wien

Franz Beckenbauer hat bekanntlich nicht nur den Fußball erfunden, sondern auch das gute Wetter. Bei der Weltmeisterschaft 2006 hatte die Sonne vier Wochen am Stück gestrahlt. Kaiserwetter, bereitgestellt vom deutschen Fußballkaiser, dem Organisationschef des Sommermärchens. Heute Abend spielen Deutschland und Spanien in Wien den Europameister aus, und pünktlich zum Finaltag ist die Sonne wieder da. Vor drei Wochen, als der Regen die EM im Griff hatte und die Deutschen schon befürchteten, es werde nichts mit einem neuen Sommermärchen mit Public Viewing, schwarz-rot-goldener Schminke und Poldischweini – vor drei Wochen also hat das Schweizer Fernsehen bei Franz Beckenbauer angefragt, ob er nicht eingreifen könne in Sachen Wetter. Mit der ihm eigenen Nonchalance hat Franz I. geantwortet, das sei jetzt ein bisschen spät, „da hättet’s mich halt früher fragen sollen“.

Besser spät als gar nicht. Die Europameisterschaft in der Schweiz und in Österreich endet für die Deutschen mit dem größten Erfolg seit Jahren und für die Organisatoren immerhin mit einer freundlichen Wetterprognose. Wer hätte das schon gedacht, vor drei Wochen, als es in Basel im Regen losging.

Die Schweizer Mannschaft erlebte ihren emotionalen Höhepunkt gleich im Eröffnungsspiel gegen die Tschechen, es war eines der langweiligsten des gesamten Turniers. Irgendwann interessierten sich die Kameras nicht mehr für den müden Kick, sie blendeten in Großaufnahmen auf den Schweizer Kapitän Alexander Frei. Auf seine Tränen, auf sein geschwollenes Knie. Frei gehört zu den wenigen Schweizer Fußballspielern mit Ausstrahlung und internationalem Format. Doch schon im ersten Spiel riss das Innenband im Knie, und die EM war zu Ende für Alexander Frei und irgendwie auch für die Schweiz.

Nach dem Spiel, es ging natürlich verloren, stiegen die Schweizer Fans in ihre auf die Sekunde pünktlichen Züge und schauten traurig auf ihre Kuhglocken. Ein kleines Mädchen, es saß zwischen den stummen Eltern im Interregio nach Zürich, fragte die Mama, ob sie es denn nicht mal mit einem kleineren Gegner versuchen sollten, „vielleicht mit Liechtenstein?“

Als am nächsten Tag auch die Österreicher gegen Kroatien verloren, dämmerte es den alpinen Gastgebern, dass sich die Teilnahme an ihrem Turnier wohl bald auf protokollarische Verpflichtungen reduzieren würde. Die Schweizer nahmen es eher geschäftsmäßig zur Kenntnis. Die Österreicher ärgerten sich umso mehr, weil die Piefkes von nebenan ihr erstes Spiel souverän 2:0 gegen Polen gewannen. Lukas Podolski, die eine Hälfte von Poldischweini, schoss beide Tore, aber als gebürtiger Pole traute er sich gar nicht, richtig zu jubeln (was die Österreicher noch mehr ärgerte, weil es die Piefkes sogar ihnen ein bisschen sympathisch machte). Die mit nach Klagenfurt gereisten Fans kannten weniger Zurückhaltung und feierten schon mal ein wenig voreilig ihre Mannschaft als neuen Europameister. Zum EM-Start waren die Deutschen auf Betriebstemperatur.

Auch in der Schweiz begann die Party, aber es war keine Schweizer Party, sondern eine holländische, denn mitten in die Tristesse platzte in Bern die holländische Invasion. Die Berner stehen nicht gerade im Ruf übertriebener Spontaneität. Es muss ein Kulturschock für sie gewesen sein, dieses fröhliche, orangene Chaos auf dem Bundesplatz. Bern zählt knapp 130 000 Einwohner, und über Nacht waren sie eine Minderheit in der eigenen Stadt. 150 000 Holländer tanzten und sangen und lachten, dann machten sie sich auf den Weg zum Stadion. Die Wenigsten hatten ein Ticket für das Spiel gegen Italien, aber alle waren sie begeistert vom 3:0-Sieg ihrer Oranjes, immerhin gegen den Weltmeister. An diesem Montag erkannten die Schweizer, dass ein Fußballstück auch zum Märchen werden kann, wenn die eigenen Spieler nur als Komparsen mitspielen. Zwei Tage später flog die Schweizer Mannschaft mit einem 1:2 gegen die Türkei als erste Mannschaft aus dem Turnier, und ihre Landsleute adoptierten eine neue Mannschaft, sie trug orangene Leibchen.

Das hatten die Österreicher noch nicht nötig. Das Schicksal schenkte ihnen erstens ein Hochdruckgebiet über Wien und zweitens einen Elfmeter in der Nachspielzeit. Die Sonne ging auf, über der Europameisterschaft im Allgemeinen und Österreich im Besonderen, denn die Mannschaft schaffte durch jenen späten Elfmeter noch ein Unentschieden gegen Polen. Und damit eine Art Endspiel im letzten Vorrundenspiel gegen Deutschland, das am selben Tag gegen Kroatien verlor. Bastian Schweinsteiger, die zweite Hälfte von Poldischweini, schubste einen Kroaten, sah dafür die Rote Karte und war für das nächste Spiel gesperrt.

Und plötzlich war den deutschen Fans nicht mehr nach feiern zumute, der erste Temperatursturz in diesem Turnier; es sollten noch mehr kommen.

Die Österreicher feixten. Ha, das wär’ was, die Piefkes rauswerfen! Plötzlich glaubte das ganze Land wieder an ein Märchen. Gesetzte Damen zwängten sich in rot-weiß-rote Trikots, und Textilfabrikanten verdienten sich dumm und dämlich an Hemden, die ein zweites Cordoba ankündigten, Reminiszenz an einen Sieg über die Deutschen bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien.

Die Deutschen kamen nach Wien. Schwarz-weiß gewandete Fans zogen über den Opernring und durch den Prater, sie wollten wohl „Deutschland!“ rufen, aber zu verstehen war nur „Schlaaand!“, eine unbeabsichtigte Verballhornung, die dem Schlachtruf alles Aggressive nahm. Die Schweizer hatten Italien, Frankreich, Portugal und Holland. Luca Toni, Franck Ribéry, Cristiano Ronaldo und Rafael van der Vaart. Wien aber hatte Deutschlandösterreich und die Aussicht auf das Endspiel. Der Rest des Landes spielte eher am Rande mit. Salzburg ärgerte sich über die langweiligen Griechen. Klagenfurt erschrak vor ewigdummen deutschen Neonazis. Und Innsbruck wunderte sich über die neureichen Russen, die sich eine Diskothek nach Moskauer Vorbild einrichteten, mit Spiegelfliesen, Champagner und eingeflogenen Tänzerinnen, Eintritt bis zu 1000 Euro. Ein russischer Fan weigerte sich, im Bus Richtung Stadion eine Fahrkarte zu kaufen. Mit dem schönen Argument, er sei nun mal Russe und gern bereit, den Bus zu kaufen, aber doch keine Karte.

Als die Russen in Innsbruck feierten, waren die Schweizer längst Holländer. Wieder gab es ein rauschendes Fest, ein 4:1 über Frankreich. Biedere Geschäftsleute trugen orangene Schlipse und die Polizisten entsprechende Mützen. Die „Berner Zeitung“ widmete sich täglich mit Hingabe völlig neuen Problemen, etwa wie viele Hektoliter Kaffee die Chefin auf dem Campingplatz Dieterswil Tag für Tag für ihre holländischen Gäste aufbrühte. Die Schweizer erfreuten sich an den Großtaten ihrer adoptierten Mannschaft, sie waren glücklich und stolz und zuversichtlich, den neuen Europameister zu beherbergen.

Bern schwelgte, und in Wien ging der erste Teil des Märchens zu Ende. Es gab kein neues Cordoba, sondern einen Sieg der Piefkes. Angela Merkel mischte sich unter die Ehrengäste und ermahnte den gesperrten Bastian Schweinsteiger, er möge keinen Blödsinn mehr anstellen, sondern so spielen wie beim Sommermärchen. Als der Bundestrainer Joachim Löw vom Schiedsrichter auf die Tribüne verbannt wurde, bot sie ihm großzügig ihren Platz an. Die Deutschen gewannen auch ohne Schweinsteiger und Löw, Frau Merkel klatschte aufgeregt in die Hände und versprach, wiederzukommen. Dummerweise hatten sich die EU-Regierungschefs zum Krisengipfel in Brüssel verabredet, als es im Viertelfinale gegen Portugal ging. Dafür machte Schweinsteiger, die Worte der Kanzlerin im Ohr, sein bestes Spiel. Deutschland besiegte den großen EM-Favoriten, und Cristiano Ronaldo, der große, schöne, reiche Junge aus Madeira, er weinte.

Die Schweizer verloren die Portugiesen und zwei Tage später ihre geliebten Holländer, denen gegen die neureichen Russen Nerven und Füße versagten. Bern wurde wieder eine gediegene Stadt, deren Zeitung sich auf der Titelseite mit dem Finanz- und Lastenausgleich und dessen Konsequenzen für den Speckgürtel beschäftigte. Die Basler richteten das Halbfinale zwischen der Türkei und Deutschland aus, und sie taten es mit der ihnen angewachsenen Neutralität.

Für 150 Millionen Deutsche und Türken jedoch mag es das aufregendste Ereignis des Jahres gewesen sein. Ein Test für die Integration, hatten sie in Deutschland vorher besorgt gemurmelt. Und dann gewann Deutschland, verlor die Türkei ehrenvoll, gab es keine bösen Worte, und spätestens jetzt war das Sommermärchengefühl vom Frieden mit der ganzen Welt doch da und das Stimmungsbarometer wieder ganz, ganz oben.

Die EM verabschiedete sich endgültig aus der Schweiz und zog weiter nach Wien, mit Bussen, Autos und Bahn, im Fall der neureichen Russen auch im Learjet. 220 Privatflugzeuge aus Moskau und St. Petersburg steuerten am Donnerstag Wien-Schwechat an und bescherten den Passagieren der Linienmaschinen zahlreiche Warteschleifen über den Wolken. Viele Karteninhaber erreichten das Ernst-Happel-Stadion mit reichlich Verspätung. Oben regnete, blitzte und donnerte es, unten schufen die Spanier ein angemessenes Äquivalent. Die Russen trugen eher wenig zum Gelingen des Halbfinales bei. Am Freitagmorgen verschwanden die Learjets wieder hinter den Wolken.

Ein paar Stunden später verschwanden auch die Wolken. Die Sonne ist zurückgekehrt nach Wien, und die Fußballbegeisterung ist geblieben, gespeist von zehntausenden deutschen Fans und spanischen Aficionados, aber auch die Österreicher haben immer noch ihren Spaß, und wenn sie nur „Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei singen“ oder: „Immer wieder Österreich!“ Es ist kein Sommermärchen geworden, aber rechtzeitig zum Finale ein märchenhafter Sommer, die Wiener verdanken ihn einem schwachen Hochdruckgebiet über Osteuropa. Weiter im Westen, wo die EM längst Geschichte ist, beschert ein Tief über Norditalien den vertrauten Regen.

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