Zeitung Heute : Futter für den Kopf

SILKE BENDER

Knut Hamsuns "Hunger!" in der Studiobühne des Gorki-TheatersSILKE BENDERDer Mann mit dem dicken Bauch hat Hunger.Ihm fallen die Haare aus, deswegen trägt er eine rote Wollmütze.Seine Füße jucken, und er tobt kratzend in einem unwirtlichen Raum umher.Er ist allein, er bleibt es die ganze Zeit.Der hermetisch abgeschlossene Raum ist seine einzige Welt.Ein Gefängnis, ein ärmliches Mansardenzimmer oder selbstgewählte Isolation? Maueröffnungen sind von innen mit Brettern verschlagen, ein gigantischer Wattebausch ist das einzig Kuschelige in seiner kargen Lebenswelt.An ihm reibt er sich, wenn er Wärme braucht.An ihm zupft er, um seine nässende Wunde am Bauch zu verbinden.Das sieht dann aus, als würde er onanieren.Immer wieder sucht er Kontakt zur Außenwelt, die er dann aber in überheblicher Arroganz von sich weist.Er spricht zu einem Redakteur, zu einem Pfandleiher, zu einem Passanten, zu einer Frau, die er Ylajali nennt, zu Gott.Alle bleiben unsichtbar.Er redet mit ihnen, aber es bleibt ein Monolog.Wenn seine Verzweiflung und sein Hunger ihn den Tod wünschen lassen, werden wie von Geisterhand plötzlich Hähnchenkeulen in den Raum geschleudert, die er verschlingt und sofort wieder erbricht.Oder es weht Papier hinein durch ein Belüftungsrohr, mit dem er ja einen brillanten Feuilletonartikel schreiben könnte, der dann doch wieder abgelehnt wird. Stefan Otteni vom Hannoveraner "Theater an der Glocksee" gastiert mit seinem packenden Stück nach dem Knut-Hamsun-Roman "Hunger" erstmalig in Berlin.Es ist Teil des norwegischen Begleitprogramms für die Ausstellung "Wahlverwandschaft: Skandinavien und Deutschland" im Deutschen Historischen Museum.Der Solo-Schauspieler Hubertus Hartmann hatte seine Rolle fest im Griff. Dem Regisseur Otteni gelang es, den eigentlich handlungsarmen, stark assoziativ erzählten Roman Hamsuns, mit dem er 1890 seinen Weltruhm begründete, in eine überzeugende dramatische Form zu gießen.Er übersetzt die diffuse Stimmung des Buchs in greif- und sichtbare Theatersprache.Die Symbole, die er quasi aus dem Dunkel auftauchen läßt, sind nie zu eindeutig, um nicht auch ganz andere Bilder und Deutungen zuzulassen und dem Zuschauer Rätsel aufzugeben."Warum hat der Protagonist als Hungernder eigentlich einen dicken Bauch?" wollte einer aus dem Publikum in der anschließenden Diskussion wissen."Damit Sie sich diese Frage stellen", war Ottenis lapidare Antwort."Und der Fisch, soll das Gott symbolisieren?" Ja, vielleicht. Heute zum letzten Mal: 20 Uhr, Studiobühne des Maxim-Gorki-Theaters.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar