Zeitung Heute : "Futter fürs Volk": Über Lebensmittel, Industrie und Skandale

bm

Was kann man denn nun überhaupt noch essen? Der Stoßseufzer des Jahres. Drei sachkundige Autoren, Volker Angres, Claus-Peter Hutter und Lutz Ribbe, haben dazu ein materialreiches Buch vorgelegt: "Futter fürs Volk" (Droemer, 400 S. 34 Mark), befasst sich ausführlich mit der langen Liste der Lebensmittelskandale und den tückischen Segnungen der Fress-Industrie - doch auch das Positive kommt vor und wird ausführlich gewürdigt. Das Werk hat allerdings einen deutlichen Schnellschuss-Charakter, der Anhänger systematischer Aufbereitung irritieren dürfte. Die lange Chronologie der BSE-Affäre beispielsweise ist gegenwärtig wohl so präsent, dass sich kaum jemand gierig hineinvertiefen wird, manch fragwürdiges Vorkommnis, etwa die Coca-Cola-Hysterie von 1999, wird freihändig unter die von der Industrie verschuldeten Skandale gemengt, was der Liste mehr Fülle und Imposanz verleiht. Und die eher philosophische Frage, ob Traubenmost vor der Gärung konzentriert werden darf, hat in diesem Zusammenhang wirklich nichts zu suchen.

Die Stärke des Buchs liegt in der eingehenden Ausleuchtung des kulinarisch-industriellen Komplexes, zu dem vor allem auch die Gentechnik-Unternehmen gehören. Das meiste ist nicht neu, doch es ist stets nützlich für die Diskussion, einmal alle Fakten beisammen zu haben über Functional Food und Convenience, über die Tricks der Molkereien, die Täuschungsmanöver ums Batteriehuhn und die Restmüll-Ingredienzien des so genannten Kraftfutters.

Die Autoren sind dabei von positiver Gesinnung und unerschütterlichem Glauben an die Existenz des guten Nahrungsmittels. Sie bereichern ihr Buch mit Einkaufs- und Küchentipps, loben Lobenswertes wie etwa den Neuland-Verband, und so stürzt die Lektüre am Ende nicht nur in schiere Verzweiflung. Die endlose Liste von 700 "guten" Kontaktadressen freilich täuscht mehr Umfang vor, als das Buch hat.

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