Zeitung Heute : Futurekids oder Screenager?

SYBILLE FRANK,INKEN SCHRÖDER

Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler meint: "Softe Pädagogik hat ausgedient"VON SYBILLE FRANKUND INKEN SCHRÖDER

"Kein Wunder, daß aus Deutschland nichts wirklich Innovatives kommt, wenn die Medienpädagogen sich in ihren Lehrmodellen nach der am schlechtesten mit Computern ausgestatteten Schule richten", urteilt Friedrich Kittler, Professor für Ästhetik und Mediengeschichte der HU Berlin, über die heute praktizierte Medienpädagogik.Für "Soft"-Pädagogik, die alles nach der kindlichen Erlebniswelt ausgerichtet wissen möchte, sei keine Zeit mehr.Ihm erscheint es wichtiger, jetzt an die Sicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland zu denken.

Die Bereiche Medien und Computer spielten dafür eine zentrale Rolle.Nach Ansicht Kittlers sollte schon Schulkindern das Programmieren beigebracht werden: "Erst dann kann man Leute wie Bill Gates stoppen, die den Rechner so bedienungsfreundlich und unauffällig wie eine Waschmaschine im Alltag plazieren wollen - wobei die Herrschaft über das Innenleben allein ihnen vorbehalten bleibt."

Medienerziehung, meinen neben Kittler auch andere Wissenschaftler, muß so früh wie möglich einsetzen.In absehbarer Zeit könnte sie sich als eigene Disziplin aber von selbst auflösen, dann nämlich, wenn neue Medien fächerübergreifend im Unterricht eingesetzt werden."Im Fremdsprachenunterricht zum Beispiel können die Schüler per E-Mail Kontakt zu anderen Schülern im Ausland aufnehmen", sagt Frerk Meyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Pädagogik und Informatik an der HU Berlin."Dabei haben sie nicht nur die Chance, ihre Fremdsprachenkenntnisse anzuwenden und zu vertiefen.Sie bekommen zugleich einen Einblick in andere Kulturen - welche Schule kann schließlich heute noch Klassenfahrten ins Ausland finanzieren?"

Für Meyer ist es aber mit dem Computereinsatz in Schulen nicht getan.Ihm geht es ums Lernen mit dem World Wide Web: Nicht nur die Kinder, deren Eltern einen vernetzten Computer zu Hause haben, sollen den Umgang mit dem Internet erlernen."Die Schule hat die Verantwortung, sich um Chancengleichheit zu bemühen." Eine Einführung in die Nutzung neuer Medien für alle sei dafür inzwischen unabdingbar."Die Schule muß über Rechte und Pflichten bei der Nutzung globaler Netzwerke informieren.Darüber hinaus müssen Tips zum Schutz persönlicher Daten gegeben werden." Mindestens genauso wichtig aber sei die Förderung von Kreativität und der Spaß beim Surfen im Netz.

"Wo Schüler euphorisch sind, reagieren Pädagogen allerdings gleich skeptisch", kritisiert Meyer."Warum nutzen die Lehrer nicht die Begeisterung der Schüler?" Damit die Schulen von der Entwicklung zur Informationsgesellschaft nicht vollständig abgehängt werden, müsse sich vor allem das Selbstverständnis der Lehrer wandeln.Ihre Aufgabe werde in Zukunft darin bestehen, Hilfen zu geben, um im Informationsüberfluß zu überleben.Sie würden zu Moderatoren, die sich damit anfreunden müßten, daß ihre Schüler auf dem Gebiet der neuen Medien oftmals kompetenter seien als sie selbst.Kompetenz sei aber nicht nur eine Altersfrage, bemerkt Frerk Meyer, der täglich mit angehenden Lehrern zu tun hat: "Oft sind es gerade die Pädagogikstudenten, die besonders computerscheu sind." Da Informatikunterricht für Pädagogen noch immer freiwillig ist, kann es passieren, daß noch heute Lehrer ins Berufsleben entlassen werden, die mit neuen Medien nicht vertraut sind.

Daß es um die Situation an Berliner Schulen nicht allzu gut bestellt ist, bestätigt die Aussage des Schulrats Joachim Thoma, der bei der Senatsverwaltung für Jugend, Schule und Sport für den Bereich Medien zuständig ist: "Bei der nächsten Überarbeitung der Rahmenpläne für die einzelnen Fächer werden wir uns verstärkt um den Einsatz neuer Medien im Unterricht kümmern." Noch klafft jedoch eine Lücke zwischen dem, was die Kinder wissen müssen, was im Beruf oft schon vorausgesetzt wird, und dem Angebot der Schule.

Diese Nische nutzen Unternehmen wie "Futurekids", eine Computerschule für Kinder in Berlin-Charlottenburg.In Kleinstgruppen von drei bis sechs Kindern lernen dort Vier- bis 14jährige, den Computer zu bedienen."Wir führen die Kinder spielerisch an den Computer heran", so die Leiterin Silvia Rosenhahn."Ohne Konkurrenz und Leistungsdruck sollen die Kinder mit dem Computer aufwachsen und ihn nicht nur als Spielzeug, sondern vor allem als ein nützliches Werkzeug begreifen".

Lernen funktioniert hier anders als in der Schule: Im Vordergrund stehen Kreativität und Kommunikation untereinander.Bei den "Futurekids" geht es immer dann besonders lebhaft zu, wenn gestalterische Fähigkeiten gefordert sind."Die Kinder versuchen dann, sich gegenseitig mit ihren Ideen zu übertreffen." Eigens für Kinder entwickelte Mal- und Schreibprogramme mit Multimedia-Animationen laden beispielsweise dazu ein, phantasievolle Einladungskarten oder Gutscheine zu gestalten.

Silvia Rosenhahn legt Wert darauf, daß die Kinder aus jeder Stunde etwas mit nach Hause nehmen können, das sie dann ganz stolz ihren Eltern und Freunden zeigen.Auch Aufbaukurse werden angeboten, in denen den Kindern das Schreiben einfacher Programme vermittelt wird, mit deren Hilfe selbstgebaute Lego-Figuren gesteuert werden können.

Damit soll keine Generation von Computercracks herangezüchtet werden, sondern Kinder, die der Welt von morgen eigene Ideen entgegensetzen können.Kinder also, die nicht nur als konsumierende "Screenager" in der schönen bunten Welt herumklicken, sondern die neuen Medien produktiv nutzen.

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