Zeitung Heute : G.I.Blues

CHRISTIAN SCHRÖDER

Saigon ist noch immer eine schöne Stadt.Mofas knattern durch überfüllte Straßen.An den zerschlissenen Fassaden der kolonialen Prachtbauten hängen schon wieder Coca-Cola- und Carlsberg-Reklamen, die nachts blinken.Es regnet fast unablässig, aber die Kinder spielen trotzdem Fußball.Und die Amerikaner, die über den Markt stromern, tragen nicht mehr Uniformen, sondern Shorts.James Hager ist einer von ihnen.Vor zwanzig Jahren war er schon einmal in Saigon, als G.I.Jetzt ist er zurückgekehrt, weil sein vietnamesisches Mädchen von damals gestorben ist und er die gemeinsame Tochter finden will."Ich habe viele Fehler in meinem Leben gemacht", sagt er, "jetzt möchte ich einmal etwas richtig machen." Harvey Keitel spielt den Ex-Marine als Kauz mit Knautschgesicht: Einer, der nicht loskommt von der Vergangenheit.Am Anfang sitzt er vor seinem Hotel und starrt auf das gegenüberliegende Haus: Als Krieg war, hat er dort seine Geliebte kennengelernt."Ein merkwürdiger Mann", findet Hai, der mit seiner Fahrradrikscha auf Kunden wartet.

"Three Seasons", der Debütfilm des 27jährigen, in Kalifornien aufgewachsenen Exil-Vietnamesen Tony Bui, ist das Porträt einer Stadt, die erst langsam in der Gegenwart ankommt.Ein Vierteljahrhundert, nachdem die Amerikaner vor dem Vietcong geflohen sind, hat der Kapitalismus doch noch gesiegt.Überall wachsen Hoteltürme aus dem Boden, doch in den engen Gassen drumherum hausen noch immer die alten Gespenster.Zwischenzeit: die beste Zeit, um Geschichten zu erzählen.In "Three Seasons" kreuzen sich die Wege von fünf Menschen, die eines miteinander verbindet: Sie sind auf der Suche.Nach Geld, Glück, ein bißchen Liebe.Lan, die Prostituierte, verkauft sich, weil sie rauskommen will aus dem Elend.Hai, der Rikschafahrer, verliebt sich in sie und träumt von einer gemeinsamen Nacht im Hotel.Kien An, das Mädchen vom Lande, pflückt Lotusblüten und singt dabei die Lieder ihrer Kindheit.Woody, der kleine Junge, will seinen Bauchladen zurück.Und Hager, der Ami, seine Tochter.

Seine besten Momente hat "Three Seasons", wenn er einfach nur dem Leben zuschaut.Den Lotusmädchen, wie sie in abenteuerlichen Booten auf den See hinauspaddeln, um die Blumen zu ernten.Einem waghalsigen Rikscharennen, angefeuert von der ganzen Straße.Woody, der sich durch die Nacht treiben läßt.Doch Realismus allein genügt dem Film nicht, er treibt die Handlung ins Melodramatische, geradezu Märchenhafte.Die Geschichte von Hai und Lan: wieder nur der alte Männertraum von der Errettung einer Hure.Und das Schicksal von Kien Ans leprakrankem Lehrer, dem die Finger abfallen, so daß er nicht mehr dichten kann: bloß ein unfreiwillig komisches Malheur.So sehr einem die Bilder dieses Films auch gefallen mögen: Das Lied von der Seidenraupe und dem bleichen Mond will man am Ende wirklich nicht mehr hören.

Heute 9.30 Uhr (Royal Palast), und 21 Uhr (Urania)

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