G20-Gipfel : Tagung des Zorns

Es war nur eine kleine Formulierung im Abschlusspapier. Klein, aber wichtig – denn sie zeigte, dass Eigensinn und Gier nicht aus der Welt verschwinden, nur weil 20 Politiker in London Einigkeit demonstrieren. Draußen auf den Straßen der Stadt demonstrieren die Leute vor allem eines: Wut.

Antje Sirleschtov[London]
Banker
Fehler im System. Graffiti an der Fassade der Bank of England in Londons Innenstadt. -Foto: AFP

Hier also soll Geschichte geschrieben werden. Weltgeschichte im besten Fall. Zwischen Eisenbahnschienen und den Kaimauern der Victoria-Themse-Docks steigt im Londoner Osten eine Skyline der Superlative empor. Türme aus Beton, Stahl und Glas reihen sich auf engstem Raum aneinander; 30, 40 Stockwerke sind sie hoch und die ganze Nacht hindurch erleuchtet. Es sind die Türme der größten Banken Englands, der Versicherungskonzerne und Hedgefonds.

Ein Ort, erbaut in den letzten 20 Jahren auf den Trümmern des letzten Jahrhunderts. Hier in Canary Wharf, in den Docklands, landeten früher Frachter an, mit Weizen und Erzen aus aller Herren Länder. Es stank nach Fisch, und die Menschen, die hier draußen leben mussten, waren bitterarm.

Bis die Londoner Geschäftswelt irgendwann beschloss, ihren Reichtum fortan nicht mehr mit dem eigenen Schweiß zu verdienen, sondern den Schweiß der anderen zu vermarkten. Man könnte sagen, sie wandelte die Arbeit einfach in Finanzpapiere um, steckte sie in handelbare Päckchen und schoss diese auf den Finanzmärkten um die ganze Welt.

Es war der Moment, an dem die Glaspaläste in den Docklands begannen wie Pilze aus dem Boden zu schießen; und nebenan entstanden edle Wohnquartiere für die Goldgräber des modernen Zeitalters. Ein Monster war geboren, mit Krakenarmen rund um den Globus. 440 000 Händler und Banker verdienten allein hier in London in den besten Zeiten ihr Geld, knapp drei Billionen Euro bewegten sie Jahr für Jahr. Kein Zweifel also: Das gewaltige System des Finanzkapitalismus ist hier zu Hause. Ein System, das seinen Mitspielern – nicht nur denen in London – lange Zeit zu unermesslichen Gewinnen verholfen hat.

Am Donnerstag schieben sich schon im Morgengrauen dicke schwarze Limousinen aus der Innenstadt in die Docklands hinein. Die 20 mächtigsten Politiker der Welt treffen heute hier draußen vor den Toren der Stadt ein. Im letzten November – die Weltwirtschaft stand schon am Abgrund – trafen sie sich zum ersten mal, in Washington. Ein zaghafter Versuch, den Niedergang gemeinsam zu stoppen. Seither wurde verhandelt zwischen Moskau und Berlin, Tokio und Peking. Nun wollen die Regierungschefs endgültig die Trümmer aufsammeln, die die Banker in der Weltwirtschaft zurückgelassen haben. Und im besten Fall dafür sorgen, dass solche Krisen nie wieder ausbrechen.

Von einem „globalen New Deal“, den die Weltherrscher abschließen wollen, hatte Gastgeber Gordon Brown bereits Tage zuvor geschwärmt. Und für Angela Merkel steht die Welt an diesem Tag sogar „am historischen Scheideweg“. Entweder, sagt die Kanzlerin, nimmt „die Politik in der globalisierten Welt das Zepter in die Hand“. Damit die Gesellschaft das Kapital beherrscht und nicht umgekehrt. Oder eben nicht. Dann ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die nächste Krise über uns hereinbricht.

Draußen auf Londons Straßen sammeln sich derweil tausende Demonstranten und recken Plakate empor. „Stürmt die Banken“, steht darauf oder: „Macht ihnen den Garaus“. Wütend sind die Leute, und sie trauen den Politikern nicht so recht, die jetzt, abgeschirmt von einer Armada von Polizisten mit Gummiknüppeln, aus ihren Autos steigen. Denn lange Zeit haben die dabei zugesehen, wie die Banker immer größer und immer reicher wurden – wie das gewaltige System der Finanzspekulanten gewachsen ist.

Umso größer sind nun die Erwartungen der Welt an die Präsidenten, Premierminister, Könige und Kanzler. Sie sollen Banken und Hedgefonds an die Leine legen, sollen Steueroasen, die es überall auf der Welt gibt, abschaffen, die Millionengehälter der Finanzmanager beschneiden und natürlich dafür sorgen, dass die Weltwirtschaft baldmöglichst wieder in Gang kommt.

Ein weißhaariger Mann mit Dreitagebart wird während des ganzen G-20-Treffens von Kamera zu Kamera laufen und immer den gleichen Satz sagen: „Wir brauchen eine neue Weltordnung.“ Eine, bei der nicht mehr der Egoismus der Einzelnen, ob es nun Amerikaner, Europäer oder die neuen Reichen der Welt in Asien sind, im Vordergrund steht, sondern globale Regeln auf der globalen Welt für alle gelten. Bob Geldof heißt der Mann übrigens, im Hauptberuf Musiker und Live-Aid-Legende – und damit Experte. Er weiß, wie man die Welt retten kann – oder zumindest einen Teil von ihr –, er hat es bewiesen.

Nun sollte aber bloß niemand auf die Idee kommen, Eigensinn und Gier wären urplötzlich aus dem Weltvokabular gestrichen. So ist es eben ganz und gar nicht. Schon Mittwochabend, noch vor Beginn des Gipfeltreffens also, hat es gewaltig geknallt. Nichts Böses ahnend war Merkel in London angekommen und musste erfahren, dass in dem Entwurf für das gemeinsame Kommunique, das sie einen Tag später unterschreiben soll, kaum konkrete Beschlüsse zur Begrenzung der Bankenmacht oder Stilllegung der Steueroasen stehen würden. Und selbst die Finanzkrise, wegen der man ja eigentlich hier ist, wurde in dem offiziellen Papier wie ein kleiner Betriebsunfall beschrieben. Weakness, eine Schwäche also, habe die Finanzmärkte befallen, stand da verniedlichend im ersten Absatz. So, als ob nichts geschehen wäre in den letzten Monaten.

Heftig aufgeregt, ein kurzes Telefonat: Schon standen Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy vor Kameras und machten ihrem Ärger lautstark Luft. Wie man den Menschen erklären wolle, dass die Banker ihre Existenz verzockt hätten, die Politiker jetzt in London aber noch nicht mal die Steuerschlupflöcher für deren Millionengewinne schließen wollten? Auf und nieder vor Ärger federte Sarkozy fast eine halbe Stunde lang hinter seinem Mikrofon, und selbst Merkel, sonst solch öffentlicher Gefühlsausbrüche nicht verdächtig, wetterte ungehemmt drauflos. Sie sei nach London gekommen, um die Finanzmärkte endlich an die Kandare zu legen. Und nicht, um sich auf faule „Kuhhandel“ einzulassen. Jetzt oder nie, warnte Merkel, habe man die Chance dazu, den Menschen zu sagen: „Wir haben aus der Krise gelernt.“

Niemand – weder die Franzosen noch die Deutschen – haben den schwarzen Peter für das versuchte Weichspülen der Reformen der Banken direkt dem britischen Premier Gordon Brown zugeschoben. Auch nicht hinter vorgehaltener Hand. Ihm zu unterstellen, er wolle seinen Finanzstandort in London vor einer allzu strengen Regulierung und Kontrolle bewahren, damit die Milliardengewinne auch in Zukunft fließen, wäre ein nicht wiedergutzumachender diplomatischer Ausrutscher gewesen.

Aber verstanden hat Brown die Botschaft vom Kontinent offenbar schon. Keine 20 Minuten nach ihrem Auftritt, Merkel und Sarkozy kamen gerade im Buckingham-Palast an, hatte der britische Premier schon erste Änderungsvorschläge. Gegen Steueroasen soll jetzt doch vorgegangen werden. Und weakness taucht in dem Papier nun nicht mehr auf.

Alles gut also? Noch lange nicht. Auch am Donnerstag, dem eigentlichen Verhandlungstag, musste Merkel weiter „aufpassen wie ein Schießhund“, sagt einer, der sie begleitet hat. Denn im Interesse der deutschen Kanzlerin liegt es, die Neuordnung der Finanzmärkte zum wichtigsten Gesprächspunkt des Gipfels zu machen. Darüber aber wollen nicht alle am Tisch unbedingt reden. Barack Obama, der Brite Brown, aber auch die Japaner wollen lieber noch mehr Konjunkturprogramme auflegen, damit die darniederliegende Wirtschaft anspringt. Und die Chinesen, deren Geld säckeweise in amerikanischen Anlagen steckt, fluchen darüber, dass der Mann an der Notenpresse im Weißen Haus eine gewaltige Inflation produziert. Mit 20 am Tisch zu verhandeln, stöhnen die Deutschen später, ist schwer. Doch wenigstens muss man nichts unterschreiben, was einem „voll gegen den Strich geht“.

Einiges von dem, was Merkel und Sarkozy durchsetzen wollten, auch gegen britischen und amerikanischen Widerstand, findet sich später im Abschlusstext wieder. Nicht alles, das war klar. Aber mehr, als man noch 24 Stunden zuvor hoffen durfte.

Wird dieses Treffen nun neue Finanzkrisen verhindern, das System vor neuen Exzessen schützen? Man darf das bezweifeln. Ein Beispiel: Gut drei Monate haben die Finanz-Fachleute aller Regierungen an einem Plan gearbeitet, nach dem man die großen Banken und Finanzinstitute kontrollieren kann. Die Deutsche Bank etwa und die Allianz. Deren Geschäfte, deren Liquidität, internationale Verflechtung und Eigenkapitalausstattung sollen in Zukunft regelmäßig überwacht werde. Das ist der Plan. Und dazu sollen so genannte „Colleges“ eingerichtet werden, die die Institute kontrollieren. Wie in einer Gruppe von Superkontrolleuren – einer aus jedem Land, in dem die Bank Geschäfte macht – sollen sie in Zukunft darüber wachen, dass nicht erneut Finanzblasen entstehen können. Aber wie soll deren Arbeit konkret aussehen? Kein Fachmann hat darauf eine passende Antwort gefunden.

50, 100, bei manchem Finanzkonzern sogar 150 solcher Aufseher – Chinesen, Briten, Inder und Amerikaner – müssten die Kontrollaufgabe gemeinsam übernehmen. Wo und wann sie das tun sollen und in welcher Sprache? Niemand weiß das.

„Wir stehen ganz am Anfang“, stöhnt in London einer der Finanzpolitiker. Das Monster lebt noch. Und es scheint viel stärker zu sein, als gedacht.

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