Zeitung Heute : Gaddafi spricht

Korea, Klone und Königin: Der libysche Staatschef wendet sich mit einer persönlichen Website an die Weltöffentlichkeit

Markus Ehrenberg

„Lieber Muammar, deine Website gefällt mir sehr gut. Nur die Sache mit der Wiedervereinigung Koreas, die solltest du dir noch mal überlegen. Außerdem könntest du mehr Privatfotos auf deine Homepage stellen.“

So oder so ähnlich könnte sich der libysche Staatschef Muammar El-Gaddafi angesprochen fühlen, wenn er morgens im Präsidentenbüro in Tunis an seinen Schreibtisch geht, seinen Computer hochfahren lässt und sein E-Mail-Programm abfragt. Der Politiker möchte gerne als führender Politiker Afrikas in die Geschichtsbücher eingehen, und in einer Hinsicht ist er schon auf einem ziemlich guten Wege: mit seiner neuen persönlichen Präsenz im Internet.

„Al Gathafi speaks …“ steht über der übersichtlich aufgeräumten, etwas textlastigen und sich noch im Aufbau befindlichen Website. Die Texte sind zwar nicht ganz so lang wie die Reden Fidel Castros, aber es gibt so gut wie kein aktuelles, weltpolitisches Thema, zu dem Gaddafi hier nicht spricht.

Der Irak kommt auch dran, ebenso die bedenklichen Folgen eines EU-Beitritts der Türkei, aber erst mal schaut der Staatschef weiter Richtung Osten. Beispiel Korea-Krise, auch so ein Schurkenstaat aus US-amerikanischer Sicht, wie es Libyen trotz mancher Annäherungen immer noch ist. Korea schlägt der Ex-Revolutionär eine friedliche Vereinigung nach dem Vorbild Deutschlands vor. Das dürfte seiner Meinung nach kein so großes Problem sein, da die Koreaner bis zur Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg ein Land gewesen sind. Damit er überall richtig verstanden wird, sind diese Botschaften im Netz auf arabisch, englisch, französisch und sogar koreanisch zu lesen.

Dass Gaddafis Sicht der Dinge nicht immer nur unbedingt pro-arabisch ist, hat er schon nach dem 11. 9. 2001 bewiesen, als er offensiv das Recht der USA auf Selbstverteidigung gegen den Terrorismus vertrat. Wer jetzt in Sachen Terror den Überblick verloren hat, der muss nur einmal klicken auf: „Brother Leader of the Revolution Moammar Gathafi presents an analysis about the actual crisis the world is passing through about terrorism“ – daran vermag der unaufgeklärte Internet-Nutzer genauso wenig vorbeizugehen wie an der Frage „Was ist der Unterschied zwischen Großbritannien und Afghanistan?“

Der libysche Staatschef hat seine Online-Ambitionen schon im Oktober des vergangenen Jahres angedeutet. Da ernannte Gaddafi eine junge Amerikanerin zur „libyschen Friedensbotschafterin“, die in Tripolis zusammen mit 25 anderen Bewerberinnen an der Wahl zur „Internationalen Internet-Schönheitskönigin“ teilgenommen hatte. „Ich liebe die Amerikaner“, soll Gaddafi gesagt haben und der Frau gleich die libysche Staatsbürgerschaft angeboten sowie eine Uhr mit seinem Konterfei geschenkt haben, berichteten arabische Zeitungen. Der libanesische Geschäftsmann Amr Harfusch, der den Internet-Wettbewerb organisiert hatte, erzählte, die Amerikanerin sei in Tränen ausgebrochen, als ihr der Staatschef sagte: „Gaddafi liebt die Amerikaner und wünscht ihnen nur das Beste, und wenn es manchmal Probleme gab, dann bestanden diese nur zwischen mir und Eurer Regierung.“

Und wie ernst es Muammar El-Gaddafi mit dem technischen Fortschritt meint, hat er auch im Sommer 2001 bewiesen, als er den italienischen Klonspezialisten Severini Antinori nach Tripolis eingeladen und eine Erfolgsprämie ausgesetzt haben soll, wenn es dem Mediziner gelänge, den ersten Menschen zu klonen. Was daraus geworden ist, kann man Gaddafi nun in einer E-Mail befragen.

Im Internet:

www.libyen-news.de

www.algathafi.org

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