Zeitung Heute : „Gäste mit kleinen Kindern haben wir nicht“

Ein Super-Handy als Reiseführer: Man gelangt zwar irgendwie zum Ziel, aber leider nicht immer zum richtigen

Ole Meiners,Kurt Sagatz

Von Ole Meiners

und Kurt Sagatz

Am Hauptbahnhof in Potsdam liegen die Nerven blank: „Das ist ja wohl die größte Pleite, die ich je mit einem technischen Gerät erlebt habe.“ Das „Gerät“ ist ein elektronischer Pfadfinder in einem Mobiltelefon, das weit mehr auf dem Kasten hat, als bloß zu telefonieren. Das Nokia 6600 kann mit einem GPS-Empfänger zu einem vollwertigen Navigationssystem ausgebaut werden, das überdies stets mit aktuellen Verkehrsinformationen gefüttert wird. T-Mobile vermarktet das System als „NaviGate“: Auf dem (für ein Handy vergleichsweise) großen Display zeigen Piktogramme die nächsten Fahrmanöver an, und eine Frauenstimme quäkt Anweisungen wie „Im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt nehmen!“. Wenn der Akku nicht schlappmacht.

Genau das ist im Tagesspiegel-Test passiert: Nach drei Stunden wäre unsere Tour fast vorbei gewesen, bevor sie richtig begonnen hat. Wären da nicht die freundlichen Potsdamer aus dem Nokia-Shop in der Bahnhofspassage mit ihrem Schnellladegerät gewesen. „Unterschätzen Sie nicht, was da technisch abläuft“, erklärt Verkäufer Ole Wagner. „Auch wenn Sie nicht telefonieren, kommuniziert das Handy unentwegt. Haben Sie denn kein Auto-Ladegerät?“ Nein, das fehlte natürlich.

Jetzt links abbiegen!

Ständig übermittelt der mausgroße GPS- Empfänger durch Satelliten-Peilung die Position per Bluetooth-Funk an das Telefon. Das Handy holt sich über den Handy-Datendienst regelmäßig aktuelle Verkehrsdaten. Die „elektronische Karte“ mit der Routenbeschreibung kommt auf demselben Weg ins Telefon, denn eigenes Kartenmaterial besitzt das System nicht – anders als fest eingebaute Geräte oder die beliebten Pocket-PCs.

Fährt der Fahrer trotz NaviGate falsch, fordert ihn das Gerät zum Wenden auf – ignoriert der Fahrer das, wird die Route neu berechnet. Oder auch nicht: Funkloch, fehlende GPRS-Versorgung oder Fehler am Navigationsserver führen zu Aussetzern im System und Desorientierung beim Fahrer. Von einer entspannten Fahrt durch Potsdam und das Umland bleibt wenig. Im Gegenteil. An manchen Stellen wirken die Anweisungen der elektronischen Fahrhilfe fast lebensgefährlich. „Jetzt links abbiegen“, kommt wie aus dem Nichts die Anweisung aus dem Handy – mitten auf der Humboldtbrücke über der Havel in Potsdam.

Auch von topaktuellen Karten und Verkehrsinfos keine Spur: Die geschlossene Stadtautobahnauffahrt auf der Spandauer- Damm-Brücke kannte das System ebenso wenig wie die im Tagesspiegel angekündigte Sperrung der Avus. Der dickste Patzer: Wer – wie in unserem Test – „Cecilienhof“ und „Potsdam“ eingibt, landet unversehens vor der Fleischerei „Dufft und Supper“ – und die befindet sich genau auf der gegenüberliegenden Stadtseite von Potsdam. Da wir nicht einfach akzeptieren wollen, dass eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Potsdam nicht gefunden wird, suchen wir per Handy-Internet nach dem nächsten Handy-Shop, den wir – per Navigationssystem – nach einigen Umwegen in der Bahnhofspassage finden. Eine Erklärung für die fehlerhafte Navigation erhalten wir dort zwar nicht, aber immerhin eine neue Akku-Ladung und den Straßennamen des Schlosses. Etwas mehr als drei Stunden von Berlin-Charlottenburg zum Cecilienhof – für das Fahrrad akzeptabel, mit dem Auto ist das ein neuer Negativrekord.

Am Schloss zeigt das Handy seine Qualitäten. Über den WAP-Dienst erhalten wir seitenweise Informationen über den Cecilienhof – auch die Adresse hätte man so finden können. Mit der eingebauten Kamera lässt sich das Erlebnis als Foto bannen und direkt als E-Mail verschicken. Vom Schloss aus sollte es zur „Biosphäre“, ebenfalls in Potsdam, gehen. Doch das beliebte Tropenhaus wird weder vom Navigationssystem noch vom WAP-Dienst angeboten. Erst die Telefonauskunft kennt die Adresse, die vom Navigations-Handy erfolgreich umgesetzt wird. Wer übrigens „kürzeste Route“ eingibt, sollte sich nicht wundern, wenn er vorwiegend auf Tempo-30-Straßen oder durch Kleingartenanlagen gelotst wird.

Wo bleibt der Streichelzoo?

Immerhin, wer einmal gelernt hat, das NaviGate nur mit echten Straßennamen zu füttern, kommt einigermaßen zum Ziel. Allerdings, und das ist weniger ein technisches Problem, nicht immer zum richtigen. So preist der Varta-Führer, den man ebenfalls mit dem Handy abrufen kann, in der Nähe von Nauen gerade einmal vier Restaurants an. Eins davon ist der Helenhof in Tietzow mit einem Stern. Was der Varta-Führer allerdings verschweigt: Der Helenhof richtet sich vor allem an die ältere Stammkundschaft. „Wir haben hier keine Gäste mit schulpflichtigen Kindern“, erklärt die Bedienung. Ohne Navi hätte man hier mehr Erfolg gehabt. Nur wenige Kilometer weiter liegt das Landhaus Börnicke. Moderate Preise sowie ein umfangreicher Streichelzoo, warum ist das dem Varta-Führer entgangen?

Fazit: Als Handy ist das Nokia 6600 Spitze. Telefon, Organizer, Internet-Zugang, E-Mails, Fotos, alles ist in dem 550 Euro teuren Handy drin (mit Vertrag: 250 Euro). Auf das Navigations-Kit kann man allerdings verzichten: Mindestens 170 Euro kostet die Grundausstattung; ohne spezielle Aboverträge belastet jede Routenanfrage mit 1,99 Euro die Mobilfunkrechnung – plus Kosten für Datenübertragung. Bei solchen Preisen darf es nicht zu derart peinlichen Pannen kommen. Da bleibt man lieber bei Reiseführer und Straßenkarte.

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