Zeitung Heute : Ganz anders als in Weimar

Die beginnende Großstadtkultur prägte Wilhelm von Humboldt. Ein fiktives Streitgespräch über den Ursprung der Berliner Universität

Conrad Wiedemann
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Vor der Blütezeit. Palais des Prinzen Heinrich um 1750, in dem seit 1810 die Berliner Universität untergebracht ist. Abbildung:...ullstein - histopics

Wilhelm von Humboldts Berliner Universitätsidee, so könnte Mephistopheles dieser Tage zu Anne Will gesagt haben, ist tot und lässt euch grüßen. Womit er gemeint hätte, dass wir in der modernen Massenuniversität zwar keine Verwendung für sie haben, sie aber trotzdem lieben. Vielleicht aber auch (es handelt sich ja um M.), dass die übliche Humboldt-Anrufung von uns Bologna-Kritikern nichts als schnödes Namedropping sei, weil wir schwerlich noch wüssten, was wir da aufriefen. Welchen Geist? Welches Leben?

Ich habe den nächstbesten meiner philosophischen Freunde befragt und bin nicht enttäuscht worden. Humboldt, so mein Freund H., hatte ganz einfach die typische deutsche Provinzuniversität satt, aus der man mit dürftigem Fachwissen, sozialen Ressentiments und schlechten Manieren zurückkehrte. Stattdessen entwarf er eine Universität, in der man zur intellektuellen Persönlichkeit reifen konnte. Dafür brauchte man freilich Studenten, die darauf aus waren, ihre geistigen Anlagen zu entdecken und zu erproben, und Professoren, die die Idee einer „reinen“, also zweckfreien und unabschließbaren Wissenschaft vertraten.

Beides, Ich-Findung und Forschungsimperativ, richtig zusammengebracht, sollte jenen Typus des selbstbestimmten Fachmannes ergeben, ohne den der moderne Bürgerstaat nicht denkbar sei. Der Staat habe das Experiment zwar zu zahlen, sich ansonsten aber völlig herauszuhalten: Er sei durch das Ergebnis ja mehr als belohnt.

Ich wandte ein: Ist das nicht reichlich abstrakt? Darauf mein Freund H.: Es ist reiner deutscher Idealismus, und wenn du willst, kann ich gerne versuchen, dir die Anteile Kants, Schillers und Schleiermachers, vielleicht sogar Fichtes und Hegels zu zeigen. Ich: Danke. Ich hätte lieber gewusst, wie etwas so Abgehobenes praktisch funktioniert. Es war ja hundertfünfzig Jahre lang ein Welterfolg. Er: Das weiß ich auch nicht. Vermutlich symbolisch, etwa über das von Humboldt empfohlene Griechen-Vorbild, also im Sinne einer mentalen Aufrüstung. Die Sache kam zwar, wie alle großen Reformen im damaligen Preußen, von oben, trotzdem war studentische Freiheit plötzlich etwas anderes und ziemlich Edles.

Ich unterbrach H. ungeduldig: Ich glaube nicht, dass die Sache so eingeschlagen hätte, wenn hinter Humboldts idealistischen Abstraktionen nicht konkrete gesellschaftliche Erfahrungen gestanden hätten. Ich will dir deshalb eine andere Geschichte erzählen. Sie handelt vom Eintritt der Brüder Humboldt ins urbane Leben just zu dem Zeitpunkt, als Friedrich der Große, bekanntlich ein Kulturautokrat reinsten Wassers, gestorben war und die bürgerliche Intelligenz Berlins sich anschickte, eine eigene, großstädtische Kultur zu entwickeln, wie es sie bis dahin in Deutschland nicht gegeben hatte.

Da eine Gesamtdarstellung dieses Vorgangs nicht existiert, halte ich mich an einige der damals noch wenig bekannten Genies, von denen die beiden zukünftigen Super-Genies Wilhelm und Alexander fasziniert gewesen sein müssen. Heute kennt jeder ihre Namen, wenn auch vielleicht nicht das Gesetz, nach dem sie gemeinsam angetreten waren – nämlich ihr Leben und Schaffen ganz aus ihrer Individualität heraus zu organisieren. Dieses Gesetz – „Werde, der/die du bist“ – stammte natürlich von Goethe, funktionierte in Berlin aber ganz anders als in Weimar, nämlich radikal, wildwüchsig und vielstimmig. Wer dieser Radikalität authentisch begegnen will, sollte seinen Blick zunächst einmal auf das grandiose Aufsteigertrio Karl Philipp Moritz, Gottfried Schadow und Rahel Levin lenken.

Karl Philipp Moritz kam 1780 als sozialer Nobody in die Stadt und machte sich, nachdem er als Lehrer am Grauen Kloster untergekommen war, daran, die Geschichte seiner verhunzten Jugend zu überdenken. Was dabei herauskam, ein „psychologischer Roman“ unter dem Decknamen „Anton Reiser“, war eine weltliterarische Novität, nämlich die erste Selbstanalyse einer frühkindlichen Traumatisierung durch eine zwanghafte religiöse Erziehung. Mitten in diesem Abenteuer der Selbstwahrnehmung überkam Moritz allerdings der Verdacht, dass der therapeutische, also zweckorientierte Anlass seines Lesens und Schreibens nichts mit wahrer Kunst zu tun haben könne, dass diese ihrem Wesen nach vielmehr zweckfrei und ein in sich selbst vollendetes Ganzes im Sinn der göttlichen Schöpfung sein müsse. Auch das war in seiner manifestartigen Darbietung eine Novität und begründete das Prinzip der Kunstautonomie, das inzwischen ins Rechtsdenken vieler Demokratien eingegangen ist.

In den öffentlichen Vorträgen, die Moritz um 1790 in Berlin hielt, konnte Wilhelm von Humboldt, der nachweislich unter seinen Zuhörern saß, somit bereits jener doppelten Autonomieerklärung begegnen, auf die er zwanzig Jahre später seine Universitätsidee gründete: der Setzung eines autonomen Ichs und der Setzung einer autonomen, aus ihrer überkommenen Zweckbestimmung herausgelösten Bewährungsinstanz, hier der Kunst.

Dass der Schneidersohn Gottfried Schadow, der um 1790 blutjung zum preußischen Hofbildhauer aufstieg, und die nicht minder junge Rahel Levin, die als unverheiratete Jüdin einen sensationellen Salon in Berlin führte, die Moritz’schen Vorlesungen gehört haben, ist eher unwahrscheinlich, doch hätten sie sich leicht wiedererkennen können. Nahmen sie sich doch beide heraus, die Regeln des ihnen jeweils zugedachten Wirkungskreises zu ignorieren und sie nach ihrer individuellen Auffassung neu zu gestalten.

Bei Schadow lief das auf das Wagnis hinaus, seinen Figuren die Attribute der Macht, des Amtes und des Ruhms zu verweigern und ihnen dafür einen unerwarteten Mehrwert an Innenleben und Reflektiertheit zuzuweisen. Das war für einen klassizistischen Hofbildhauer, der es im Grunde nur mit Auftragsarbeiten zu tun hatte, mehr als riskant und hat ihn denn auch auf Dauer die Zustimmung des Hofes (und übrigens auch Goethes) gekostet.

Noch einen Schritt weiter ging Rahel Levin (Varnhagen), die den individualistischen Imperativ ihrer Generation dahingehend auslegte, dass sie sich ein psychologisierendes Idiom für ihre ganz und gar ungewöhnliche Ausgangslage erfand. Als öffentlich über sich selbst redende Jüdin leitete sie aus ihrer virtuellen Außenperspektive eine besondere Sensibilität und Kompetenz auch der Fremdeinfühlung für sich ab. Dass sie ihren Konversationsstil als Kunstwerk empfand, hat sie oft angedeutet. Die Theorie einer autonomen, zweckfreien Geselligkeit, aus der wahre Individualität erwächst, hat an ihrer Stelle allerdings Schleiermacher geschrieben.

Zu den Berliner Radikalindividualisten von 1790 gehörten freilich noch andere Genies, darunter die Moritz-Schüler Tieck und Wackenroder, die mit ihrer Versenkung in die Shakespeare’schen Märchenstücke, mit der Entdeckung des fränkischen Mittelalters und der Ausrufung einer quasi säkularen Kunstreligion die deutsche und europäische Romantik in Gang setzten.

Vor allem aber gehörte Wilhelm von Humboldt selbst dazu, indem er aus dem Vergleich all dieser Beobachtungen die Konsequenz zog und 1793 in einem exzellenten Essay seine Vision einer vom dekretierenden Staat emanzipierten Bürgerkultur entwarf. Darin ist – nach dem Vorbild der Athenischen Polis – alles, auch das Glück des Staates, auf die Entfaltung der individuellen Kräfte des Einzelnen gegründet.

So wurde Humboldt, obwohl er aus Gründen der politischen Brisanz nur Teile seines Essays veröffentlichen konnte, zumindest für eine Zeit lang zum Ideologen und geheimen Spielleiter der Berliner Individualkultur. Sowohl er wie sein Bruder Alexander waren durch ihre Erziehung auf hohe Staatsämter vorbereitet, glaubten aber lebenslang, ihr Wesentliches nur auf dem Gebiet der freien Wissenschaft leisten zu können.

Humboldts Idee der autonomen Forschungsuniversität von 1810 ist, so gesehen, im Grunde nicht mehr als eine Spezifikation dessen, was er 1790 als junger Mann von Moritz gelernt und bei Rahel, Schadow, Tieck, Wackenroder, Gentz und den anderen in immer neuen Varianten erlebt hat. Der Gedanke liegt nahe, dass es weniger die idealistische Formel als dieser vitale Erfahrungskern war, der dem Konzept zum Erfolg verholfen hat.

Der Autor leitet das Projekt „Berliner Klassik“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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