Zeitung Heute : Ganz nah

Sie wird Mutter. Das Ideal ist die natürliche Geburt, Seit Jahren steigt die Zahl der Kaiserschnitte. Und für

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Die junge Frau Dimar* in Zimmer 5 hat es eilig. Kaum eine Stunde ist es her, dass sie mit Wehen auf die Station kam, nun setzt sich die geheimnisvolle Mechanik der Geburt in Gang. Die Frau empfängt ihr drittes Kind. Keinerlei Probleme.

Es kann auch anders laufen. Stundenlang hing Anna Ulich am Tropf, hat den Wehenschreiber beobachtet, wurde untersucht: Lage des Kindes in der Gebärmutter, Herztöne, Versorgung mit Sauerstoff. Dann haben sie entschieden, Oberärztin, Arzt, Hebamme: Zeit zu handeln, das Risiko ist zu hoch. Für das Kind, für die Mutter, die durch den Kräfte zehrenden Marathon stark geschwächt ist. Also Kaiserschnitt. Alles vorbereiten.

Regionale Betäubung, Vollnarkose nur in besonderen Fällen, die Mutter soll ihr Kind gleich sehen. Herr Ulich steht am Kopfende des Operationstisches, hinter seiner Frau. Der Arzt, Alfredo Gonzalez, 35, führt das Skalpell mit präzisen Bewegungen. Schnitt in den Unterbauch, durch die Bauchdecke und die Wand der Gebärmutter. Der Kopf des Kindes erscheint, kurz darauf der kleine Körper. Die Hebamme kümmert sich um das Baby, der Arzt vernäht den Bauch. Operationszeit: 32 Minuten.

Willkommen in der Geburtsstation des Mutter-Kind-Zentrums in Neukölln, wo jährlich rund 3200 Frauen ihre Kinder zur Welt bringen. Das Haus ist eines von zwei Perinatalzentren in der Stadt, was frei übersetzt in etwa heißt: hoch spezialisierte Geburtskliniken, zuständig auch für schwierigsten Fälle: Frühchen oder lebensbedrohlich erkrankte Babys, für die man eine Intensivstation und eigens ausgebildete Experten braucht. Das zweite Zentrum unterhält die Charité – an zwei Standorten: in Berlin-Mitte und im Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding.

Laut einer Statistik der Senatsgesundheitsverwaltung wurden in den vergangenen Jahren durchschnittlich zwölf Prozent aller Neugeborenen mit Erkrankungen geboren, die Hälfte davon mit lebensgefährlichen Atem- oder Herz-Kreislauferkrankungen. Fachleute sehen darin einen wichtigen Grund, warum trotz alternativer Angebote wie Geburtshäusern, Hebammenpraxen oder Hausgeburten rund 96 Prozent aller Berliner Kinder in Kliniken zur Welt kommen.

Die Kommandozentrale der Geburtsstation in Neukölln ist ein kleiner Raum mit Glasfront. Bildschirme zeigen flache Linien und Kurven, die aussehen wie Aktienkurse. Sie geben den Herzschlag von Kindern wider, die in Kürze geboren werden. Und die Stärke der Wehen der Mütter. Hier beobachten die Ärzte und die Hebammen aus der Vogelperspektive die letzten Stunden einer Schwangerschaft.

Es gibt Dinge, die man aus dieser Perspektive kaum ergründen kann. Zum Beispiel, warum vieles anders kommt, als vermutet. Warum etwa Anna Ulich, 37 Jahre alt, vier Kinder, ihr fünftes nun nicht mehr auf natürliche Weise gebären kann. Oder warum sich Frau Becker in Zimmer 6 seit Stunden quält, obwohl ihre starken Wehen eine schnelle Geburt versprachen. Stattdessen: Geburt mit einer Saugglocke. Es muss schnell gehen, denn die Flüssigkeit in der Fruchtblase ist grünlich verfärbt. Es besteht Gefahr, dass der Junge während der Geburt nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt wird. Vor allem das Kindspech, der klebrige Kot, kann im Fruchtwasser gefährlich werden. Gerät es in die Lungen, wirkt es wie Gift. Das Kind könnte sogar ersticken.

Ein Kinderfacharzt von der Neugeborenen-Intensivstation ist deshalb dazugekommen. Die Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung (BQS) in Düsseldorf wertet es als Zeichen von guter Qualität, wenn ein Kinderfacharzt – ein Pädiater – Neugeborene, bei denen Risiken drohen, bei der Geburt anwesend ist und schnell eingreifen kann. Der Arzt schiebt dem Jungen einen Plastikschlauch durch die Nase, mit dem er die Flüssigkeit aus der Lunge zieht. Noch ein paar Untersuchungen, Herzfrequenz, Herztöne, Atem, dann gibt er Entwarnung. Die Hebamme wäscht das Kindspech ab und bringt das Kind zur Mutter.

Dieser Montag ist ein Tag, von dem die Ärzte später sagen werden, dass es für sie kein sonderlich guter war. Zu viele Kaiserschnitte. „Ein Kaiserschnitt ist eine Hypothek auf die nächste Schwangerschaft“, sagt Klaus Vetter, der Chefarzt des Neuköllner Mutter-Kind-Zentrums. Zum Beispiel könnte beim nächsten Mal die Narbe der Gebärmutter reißen, die von der Operation zurückbleibt. Ärzte und Hebammen bemühen sich deshalb darum, dass die Geburt möglichst natürlich verläuft. Wenn die Schmerzen zu groß werden, kann der Mutter eine Periduralanästhesie – kurz: PDA – helfen, die in den knöchernen Kanal der Wirbelsäule gespritzt wird und die Reizleitung der Nerven im Rückenmark blockiert. Erst wenn die medizinischen Risiken für Mutter und Kind zu groß werden, steht ein Kaiserschnitt an.

Doch trotz aller gegenteiligen Bemühungen ist die Zahl der Kaiserschnitte stark gestiegen, im Bundesschnitt von 17 auf 27 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Mediziner führen dafür vor allem zwei Gründe an: Erstens, das Durchschnittsgewicht und der Kopfumfang der Neugeborenen wachsen seit Jahrzehnten an. Aber der Unterleib der Frauen entwickelt sich nicht in gleichem Maße mit. Zudem werden die Erstgebärenden immer älter, auch das erhöht das Komplikationsrisiko.

Zweitens, manche Mütter scheuten die Schmerzen einer Geburt; oder die Gefahr, ihr Unterleib könnte in Mitleidenschaftgezogen werden. Allerdings stellt eine jüngst veröffentlichte Studie der Universität Bremen diese Erklärung in Frage. Nur zwei Prozent der befragten Frauen, die per Kaisenschnitt entbunden wurden, hätten diesen Wunsch geäußert.

Etliche Geburtshelfer beobachten die Tendenz, dass unter den werdenden Müttern die Schmerzen einer Geburt in den Vordergrund gestellt werden. „So entsteht ein verzerrtes

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