Zeitung Heute : Ganz schön Girlie

Ute Scheub

Im Jahre 1913 spielten sich in England wilde Szenen ab. Emmiline Pankhorst wurde zwölfmal ins Gefängnis geworfen. Emily Wilding Davison warf sich vor das Pferd des Königs und starb. Ihre Freundinnen ketteten sich vor dem Parlament an und schnitten Parolen in den grünen Rasen der Golfplätze.

Was waren denn das für Rabaukinnen? Eine Bande von Kriminellen, eine Horde durchgeknallter Hausfrauen? Die meis-ten Männer damals sahen das so. Die Frauen nicht. Sie sahen sich zu diesem Kampf gezwungen, weil sie wie minderwertige Menschen behandelt wurden. Männer durften wählen gehen, Frauen nicht. Frauen hätten nicht genug Verstand - das behaupteten viele Männer ganz im Ernst. Sie glaubten, Frauen könnten nur Kinder kriegen und die Hausarbeit machen, das Denken und Regieren sollten sie mal besser den Männern überlassen. So war es schon immer gewesen. Und wenn es nach den meisten Männern ging, konnte es gerne so bleiben.

Doch da hatten sie sich gewaltig getäuscht. Schon fünf Jahre später, 1918, erhielten die Engländerinnen und auch die deutschen Frauen neue Rechte: Endlich durften sie wie die Männer wählen gehen oder selbst Politikerinnen werden. Auch das Recht, zur Universität zu gehen und Richterin, Ärztin oder Lehrerin zu werden, hatten sie den Männern abgetrotzt.

Wenn die Frauen damals nicht für ihre Rechte gekämpft hätten, dann müsstet ihr Mädchen von heute vielleicht immer noch wie vor hundert Jahren Tischdeckchen sticken, euch zu Tode langweilen und auf die Hochzeit mit einem Mann warten, den die Eltern für euch ausgesucht haben. Es hat sich ungeheuer viel verändert.

Aber wenn ihr genau hinguckt, merkt ihr, dass auch manches so geblieben ist, wie es war: In den meisten Familien sind vor allem die Mütter für die Kinder und den Haushalt zuständig. Und viele Väter verbringen mehr Zeit im Beruf als zu Hause. Dabei würden wahrscheinlich viele Mütter gerne mehr und viele Väter gerne weniger arbeiten.

Nur käme dadurch auch weniger Geld ins Haus. In Deutschland bekommen die Frauen für dieselbe Arbeit oftmals immernoch weniger Geld als Männer. Also kommen die Eltern zu dem Schluss: Papa muss weiter schuften, denn er bringt einfach mehr Scheine nach Hause als Mama.

Unter hundert Politikern sind in Deutschland nur zwanzig Frauen. Von hundert Professoren sind gerade mal fünf weiblich und von hundert Wirtschaftsbossen drei.

Das alles, obwohl in der Schule Mädchen im Durchschnitt besser abschneiden als Jungs. Weltweit haben Mädchen die besseren Zensuren, und trotzdem bekommen überall auf der Erde Jungs die besseren Berufe. In Afghanistan durften Mädchen bis vor Kurzem noch nicht einmal in die Schule gehen, jetzt dürfen sie es wieder. In China, wo wegen der Überbevölkerung jedes Elternpaar nur ein Kind bekommen darf, wollen die meisten eine Tochter gar nicht erst haben.

Es gibt also noch viel zu tun, was die Mädchenrechte angeht. Aber wie gesagt, es hat sich schon viel verändert. Die Männer haben dazugelernt, und die Frauen sind selbstbewusster geworden. So etwas kommt nicht über Nacht. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit - manchmal auch die aller normalsten.

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