Zeitung Heute : Ganz schön wechselhaft

Was und wer als schön gilt, bestimmen Zeitgeist und Kulturkreis

Sebastian Leber

Gutes Aussehen hilft einem nicht immer weiter. Hao Lulu etwa ist wunderschön, dafür hat sie auch einiges getan. Zuerst ließ sie sich Augen und Nase operieren, dann kamen Kinn, Brüste und Beine dran, Bauch und Po auch. In den vergangenen vier Jahren legte sich die Chinesin 23 Mal unters Messer. Und trotzdem wird Hao Lulu, heute 28, niemals den begehrten Titel der „Miss Peking“ erringen: Weil Mehrfach-SchönheitsOperationen in China im Trend liegen, haben die Veranstalter operierte Frauen kurzerhand vom Wettbewerb ausgeschlossen.

Im echten Leben gibt es solche Chancengleichheit nicht. Wer schön ist, hat es leichter. Attraktive Menschen gelten als intelligenter, vertrauenswürdiger, kompetenter. Wobei bekanntlich je nach Kulturkreis und Zeitgeist stark variiert, welches Körperteil wann als schön gilt. Untersuchungen von Attraktivitätsforschern – die nennen sich wirklich so – haben ergeben, dass gut aussehende Menschen für die gleiche Arbeit besser bezahlt werden als weniger Schöne und dass sie in Notsituationen eher auf die Hilfe von Fremden hoffen dürfen. Müssen sie vor Gericht, bekommen sie mildere Strafen. Das ist natürlich schön für die Schönen, aber ungerecht. Manche Wissenschaftler sehen darin eine Form von Diskriminierung, ebenso schlimm wie Sexismus oder Rassismus. Sie haben auch einen Namen dafür gefunden: lookism. Man kann diese Ungerechtigkeit anprangern und an die Vernunft des Menschen appellieren. Oder man kann mit allen Mitteln versuchen, nicht auf der Seite der Benachteiligten zu stehen. Schönheitsoperationen sind kein ausschließliches Phänomen der westlichen Industrienationen. Die meisten Nasenkorrekturen werden im Iran vorgenommen. Asiaten lassen sich westliche Augenlider formen und die Haut bleichen. Die meisten Schönheitsoperationen pro Einwohner werden in den USA, Brasilien und Mexiko vorgenommen.

In manchen Kulturen sind bestimmte Eingriffe traditionell gang und gäbe. Das Volk der Surma in Äthiopien ist etwa dafür bekannt, dass Frauen ihre Unterlippen durchbohren und Tonscheiben in das Loch klemmen. Frauen ohne Lippenteller haben auf dem Heiratsmarkt keine Chance. Wer sich dagegen einen besonders großen Teller in die Unterlippe spannt, kann als Brautpreis bis zu 50 Stück Vieh erwarten.

Die Männer und Frauen des zentralafrikanischen Aka-Stammes feilen sich die Zähne, bis diese spitz sind wie die von Raubkatzen. Das tut schrecklich weh, sieht aber sexy aus. Und die Frauen der Karen in Myanmar und Thailand legen sich Messingringe um den Hals, um ihn zu dehnen. Dem westlichen Betrachter kommen solche Methoden brutal vor. Ebenso wie der Brauch der Schädeldeformation, der über Jahrhunderte bei den Maya und Inka, aber auch bei den Hunnen sowie einigen germanischen und afrikanischen Völkern üblich war. Weil extrem ausgeformte Hinterköpfe als schön galten, pressten Eltern den Kopf ihrer Babys. Wahlweise mit Händen, Bandagen oder Brettern. Manche Archäologen glauben, dass auch der Kopf des ägyptischen Pharaos Echnaton künstlich deformiert war.

Damit verglichen ist die derzeitige Diskussion um Magermodels fast harmlos. Aber trotzdem ernst. Eine Marilyn Monroe mit ihrer Konfektionsgröße 44 hätte es heute als Sexsymbol schwer. Sophia Loren ebenso. Immerhin tut sich etwas: Auf der jüngsten Madrider Modewoche hatten unterernährte Models Laufsteg-Verbot. In Italien müssen zu dünne Mannequins ein ärztliches Attest vorlegen, das ihnen Gesundheit bescheinigt. In Spanien sollen dürre Schaufensterpuppen aus den Kaufhäusern verschwinden. Ex-Popstar Victoria Beckham, selbst superdünn, möchte nicht, dass die von ihr entworfene Modekollektion von Magermodels vorgeführt wird. Und noch eine kritisiert öffentlich den Schlankheitswahn: Lesley Hornby. Die Britin war Mitte der 60er Jahre eine der ersten extrem dünnen Models, man nannte sie „Twiggy“, zu Deutsch etwa „dünner Zweig“. Die knochigen Arme heutiger Models machen ihr Angst, sagt Hornby heute. Schön sei das nicht.

„Die Gesellschaft von heute braucht mehr schöne Frauen“, sagt Hao Lulu, die Chinesin mit den 23 Operationen. Sie hat übrigens die Chance, doch noch einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. In China gibt es inzwischen nämlich einen neuen. Bei dem dürfen nur Frauen antreten, die mehrfach operiert sind.

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