Zeitung Heute : Ganz weit vorn im Billigflieger

Die Speerspitze des globalen Trends ist jung, kreativ und weit entfernt von Haute Couture und Prêt-à-porter. Auf der Suche nach dem neuesten Neuen reisen sie ständig um die Welt – die dadurch immer kleiner und vorhersehbarer wird

Romy Uebel

In kaum zwei Wochen beginnt die Berlin Fashion Week, doch anders als in den vorherigen Saisons stapeln die Protagonisten diesmal tief. Nach dem Aus für das einstige Zugpferd, die Modemesse Bread & Butter geht es jetzt in erster Linie darum, das hübsche, leicht verheulte Gesicht zu wahren. Werden sie wieder kommen, die hippen, internationalen Trendscouts, Journalisten und Einkäufer?

Das weiß niemand, denn besonders die Streetwear- und Avantgarde-Gemeinde, die bis vor kurzem mit Vorliebe die Modenschauen und Partys an der Spree besuchte, erfüllt derzeit genüßlich jedes Klischee: Nichts bleibt, wie es war! Schnelllebig und bewusst oberflächlich giert die jetsettende Bohème nach immer neuen Spielwiesen und beweist nebenbei, dass Globalisierung schon längst gelebte Realität ist. Die Jobs der Mode-Bohemiens sind flexibel und für ihre Eltern meist schwer verständlich.Trotz abgeschlossenen Grafik-, Kunst- oder Modedesignstudiums verdienen sie ihr Geld mit Trendscouting oder dem Dekorieren von Schaufenstern, schreiben für Subkulturmagazine, entwerfen Logos, organisieren Ausstellungen.

Ungeachtet von Nationalität, Religion oder Gesinnung unterhält diese Community der immerjungen 20- bis 40-Jährigen ihr ganz eigenes Netzwerk. Man kommuniziert in ständig wechselndem, exotischem Wortgeklingel, erkennt sich an Codes wie dem streng limitierten Adidas-Turnschuh oder der raren Lee-Jeans. Und bevor man sich noch irritiert fragt, ob der Typ gegenüber für den absurd teuren Schal von Bernhard Willhelm bezahlt hat oder „den Bernhard“ wohl persönlich kennt, stellt man fest, dass er ja der Cousin des Nachbarn der alten WG in New York ist.

Diese zeitgenössischen Nomaden haben die Welt zum Schauplatz ihres Heimspiels auserkoren. Zerfeiert, unterbezahlt und nimmersatt jetten sie umher, bis der Pass mit Extra-Visa-Stempelseiten beantragt werden muss. Hektik ist dabei genauso im Gepäck wie die Telefonnummern von Gleichgesinnten am Zielort. Genächtigt wird auf dem Sofa des früheren Kollegen der Freundin, dank dessen wasserdichter Ausgehtipps man sich die Touristenfallen erspart.

Die hippen Kinder des Everything-goes-Zeitalters nutzen dessen Angebote lückenlos. Skype, Myspace und Blackberry sind ihre alltäglichen Kommunikationsmittel, Billigflieger-Websites kennen sie ebenso auswendig wie die schnellste Verbindung vom Mailänder Flughafen in die Innenstadt oder die Adressen kostenloser Hotspots in San Francisco. Dass sie bei all ihren Aktivitäten stets erschütternd gut gekleidet sind, versteht sich von selbst, denn irgendein befreundeter Jungdesigner hat immer gerade ein tolles Teil in der Kollektion. Man fungiert als wandelnde Litfasssäule und trägt T-Shirts und Halstücher von Henrik Vibskov, Behnaz Aram oder Siv Stodal, Anything, Reality Studio, Gasius, Loki oder Call of the Wild. Noch nie gehört? Genau darum geht es ja eben!

Im Handumdrehen sind die frischen Designs einmal um den Globus gependelt, Trends multiplizieren sich und werden oft kopiert. Die rastlose Suche nach dem neuesten Neuen ist nicht nur spannend, sondern auch profitabel. Nicht wenige der Trendsetter lassen sich ihr Knowhow mittlerweile von etablierten Marken bezahlen. Schon lange wird in der Mode von unten nach oben kopiert – umso besser, wenn die Impulse von der Straße bequem und schnell per Mausklick abrufbar gemacht werden.

So wird der Internet-Blog Facehunter des Pariser Trendscouts Yvan Rodic täglich von hunderten Newshungrigen durchkämmt. Seit Jahren fotografiert der Vielflieger das stylishe Volk von Peking bis Malmö und stellt es online zur Schau. Der Untergrund wird so in Sekundenschnelle zum authentischen Ideenpool, und selbst wer nicht aktiv Teil der Szene ist, kann bequem vom heimischen Computer aus am Ball bleiben.

Die Macher von Internetseiten wie Hypebeast, Beinghunted oder Superfuture erschnüffeln quasi im Stundentakt neue exklusive Lifestyle-Kooperationen, limitierte Auflagen und Attraktionen, zehntausende Newsletter-Abonnenten ergötzen sich am Hypen, Jagen und Zukunftsgucken – Tendenz steigend.

Wahrscheinlich reizt dieses schnelle, stressige Leben so viele, weil es ein Übergangsstadium im verzweigten System der Streetwear-Community ist. Marken der ersten Stunde wie Vans oder Stüssy starteten vor über 20 Jahren als Gegenbewegung zum Mainstream. Mittlerweile beweisen sie, dass man mit Underground-Spielen auch richtig Geld verdienen kann und der Anstrich von Glaubwürdigkeit dabei nicht zwangsläufig verblassen muss. Ein Hauch von Solidarität und das schöne, warme Wir-Gefühl schwingt noch immer mit. Auf den Messen und Vernissagen der Szene geht es oft zu wie bei Klassentreffen; Gerüchte, Neuigkeiten und Fehltritte gehen innerhalb von zehn Minuten um die Welt.

Vielleicht reagierten diese einstigen Skater, Graffiti-Sprayer und sonstwie Kreativen, die heute eigene Labels, Shops oder Magazine betreiben, deshalb so empfindlich auf die Entwicklung der Bread & Butter vom kuscheligen Nischen-Event zur kommerziellen Massenveranstaltung und besuchen nun lieber neue Off-Shows wie die Frankfurter Messe „Bright“. Und vielleicht ist der Ideal Showroom im Berliner Café Moskau für sie deshalb der spannendste Event während der Berlin Fashion Week. Unabhängig, hochmotiviert und tatsächlich mit einem ganzen Bataillon von Idealen ausgestattet, haben dessen Macher 50 aufstrebende internationale Designer und Labels versammelt und untermauern damit Berlins Status als innovative und anziehende Metropole. Ob sich die obere Spitze der verwöhnten Fashiongemeinde in 14 Tagen zeigen wird? Es bleibt spannend. Und das ist doch gerade das Beste, was man über Mode sagen kann!

Romy Uebel arbeitet als freie Modejournalistin für Fachmagazine in Deutschland, Hongkong und New York.

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