Zeitung Heute : Gar nicht bieder

Die Mercedes-Benz Fashion Week ist das wichtigste Schaufenster der Berliner Mode. Dort treffen sich inzwischen mehrere Designergenerationen.

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Eines ist die Mercedes-Benz Fashion Week auf alle Fälle: eine Werkschau des aktuellen Modeschaffens in der Hauptstadt. Von Debütanten bis zu mittlerweile etablierten Marken kann der Besucher innerhalb von vier Tagen wie in einem Crashkurs die gesamte Bandbreite des lokalen Modeschaffens in Augenschein nehmen.

Inzwischen haben bereits einige Berliner Marken ihre Entwürfe gezeigt – entweder auf dem großen Laufsteg oder im Studio, einer Halle innerhalb des Zeltes am Brandenburger Tor, in der Designer, denen eine große Show zu teuer und aufwändig ist, Präsentationen veranstalten können. Dort stellen sich die Models auf Podeste, die Entwürfe können in aller Ruhe aus nächster Nähe betrachtet werden. Gerade für Nachwuchsmarken ist das im Sommer eingeführte Format eine Chance, auf der Mercedes-Benz Fashion Week Präsenz zu zeigen. Und so sind nun Berliner Designer verschiedenster Entwicklungsstufen unter einem Dach präsent.

Im Studio zeigte am Donnerstagabend auch Hien Le. Für seine unprätentiösen, klaren Entwürfe ist diese Art der Vorführung wie geschaffen, für den Laufsteg aber zu zurückhaltend. Hosen aus dem synthetischen Wildleder-Surrogat Alcantara kombinierte er mit grob gestrickten Oberteilen.

Der Absolvent der Berliner Hochschule HTW, der mit seinem Label 2010 debütierte, wurde zuletzt der jungen Generation von Designern zugerechnet, die ganz auf minimalistische Prinzipien setzen. Sie wollen keine Geschichten erzählen, keine historischen Motive interpretieren, sondern arbeiten eher an der möglichst effizienten Form der Reduktion.

Das tut auch seine ehemalige Kommilitonin Sissi Goetze. Sie hat sich ausschließlich auf Herrenmode spezialisiert und zählt damit zu den Ausnahmen der hiesigen Szene. Goetze zeigte vornehmlich Entwürfe in gedämpftem Bordeaux und dunklem Grau. Klassische Modelle der Herrenmode interpretierte sie durch originelle Details und ungewöhnliche Materialverwendung neu, beispielsweise ein Cardigan in einem klassischen Wollstoff. Gerade die Kleinigkeiten machten den Reiz der Kollektion aus. Damit kam sie gerade im Studio hervorragend zur Geltung, weil es dort eben möglich ist, nah an die Modelle heranzugehen und gerade diese Feinheiten zu würdigen.

Auch das Designerduo Blame machte mit einer Präsentation im Studio neugierig darauf, wie die Kollektion in einer Schau aussehen könnte. Was den Minimalismus angeht, da sind die beiden Designerinnen von Perret Schaad die Meisterinnen ihres Fachs.

Die Entwürfe, die sie am Donnerstagabend vorführten, waren ganz der Verfeinerung des puristischen Gestaltungsprinzips gewidmet. Mit Reißverschlüssen verliehen sie ihren asymmetrischen Entwürfen weitere Variationsmöglichkeiten, bekannte Themen wie kubistische Silhouetten werden komplexer als bisher konstruiert.

Dass es zu einfach wäre, das Modeschaffen in Berlin in die Schublade des neuen Minimalismus zu stecken, zeigten am Donnerstag Kaviar Gauche. Alexandra Fischer-Roehler und Johanna Kühl zählen zu den Etablierten, zur ersten Generation der neuen Berliner Modelabels. Im Gegensatz zu den jüngeren Kollegen genießen sie die große Show und stellten das erneut unter Beweis.

Mit ausschwingenden Tüllroben in Schwarz, Weiß und Gelb, dramatisch inszenierten, kostümartig anmutenden Outfits an der Grenze zur Fetischmode demonstrierten sie eindrucksvoll, dass die Berliner Mode eben auch die ganz große Geste an der Grenze zur Exzentrik beherrscht. Aber eben auch das mit einer ganz eigenen Handschrift, die sich nicht unter einen vermeintlichen „Berliner Stil“ subsumieren lässt. Ähnlich, wenn auch weniger extrovertiert, sieht es bei anderen Labels aus, die inzwischen ein paar Jahre Zeit hatten, um sich zu entwickeln, etwa bei Lala Berlin oder Mongrels in Common, die ebenfalls in dieser Woche ihre Kollektionen vorstellten.

Man muss abwarten, was nun aus der jungen Generation wird. Denn gerade diese Individualität, die eine Marke unverwechselbar macht, müssen einige von ihnen noch entwickeln. Aber noch ist es zu früh, ungeduldig zu werden.

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