Zeitung Heute : Gar nicht träge

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Sechs Irrtümer rund um Verdauung und Verstopfung

Hartmut Wewetzer

Für viele Menschen ist kaum etwas so rätselhaft wie ihr Bauch und die Verdauung. Besonders von Mythen umrankt ist ein alltägliches Problem: Verstopfung. Jetzt haben Magen-Darm-Experten im Fachblatt „American Journal of Gastroenterology“ die populärsten Irrtümer rund um Darmträgheit zusammengetragen:

Irrtum Nr. 1: Verstopfung vergiftet. Viele Menschen glauben, dass aus dem Stuhl schädliche Substanzen in die Darmwand übertreten und den Organismus schädigen können. Manche Menschen machen deshalb auch Darmreinigungen. Aber für die „Selbstvergiftung“ durch den Darm gibt es keine Belege, Darmspülungen sind medizinisch gesehen ohne Sinn. Merke: Chronische Verstopfung ist lästig, aber ungefährlich.

Irrtum Nr. 2: Viel trinken beugt der Verstopfung vor. Auch der Glaube daran, dass reichliches Wassertrinken den Stuhl gleitfähiger macht, ist so weit verbreitet wie irrig. Ob man einen Liter trinkt oder anderthalb, ist dem Darm ziemlich egal. Denn der setzt jeden Tag an die zehn Liter an Flüssigkeit und Verdauungssekreten um, die zum allergrößten Teil vom Körper wieder aufgenommen werden. Für den Wasserhaushalt sind dagegen die Nieren zuständig.

Irrtum Nr. 3: Bewegung hilft. Natürlich ist es aus vielerlei Gründen gut, Sport zu treiben und fit zu bleiben. Aber der Effekt auf einen trägen Darm ist, vorsichtig gesagt, sehr begrenzt.

Irrtum Nr. 4: Ballaststoffe machen den Darm mobil. Auch der Effekt von faserreicher Kost auf die Verdauung wird ziemlich überschätzt. Zwar können Ballaststoffe helfen, wenn die Ernährung bisher so gut wie kein Obst, Gemüse oder Vollkorn enthielt. Aber den meisten Menschen, die unter Verstopfung leiden, helfen Ballaststoffe kaum.

Irrtum Nr. 5: Einmal am Tag sollte man Stuhlgang haben. Viele Menschen setzen sich mit solchen Grundsätzen unnötig unter Druck. Man sollte zur Toilette gehen, wenn man wirklich muss – und nicht, weil man eine tägliche Pflicht erledigt. „Drei Mal am Tag ist genauso normal wie einmal in drei Tagen“, lautet ein alter Grundsatz der Medizin. Und wenn es einmal fünf Tage bis zum nächsten großen Geschäft dauert, ist das auch kein ernsthaftes Problem.

Irrtum Nr. 6: Abführmittel sind schädlich und machen abhängig. Wer wirklich unter ständiger Verstopfung leidet, für den können Abführmittel eine echte Hilfe sein. Vorausgesetzt, sie werden nicht missbraucht, wie manchmal von Menschen mit Essstörungen. Dass Abführmittel selbst über Jahrzehnte noch wirksam und verträglich sein können, zeigt das Beispiel Querschnittsgelähmter, die Abführmittel brauchen, um ihren geschwächten Darm auf Touren zu bringen. Bewährt haben sich zwei Gruppen von Wirkstoffen. Die einen wirken ähnlich wie Ballaststoffe und binden Wasser im Darm, die anderen hemmen die Wasseraufnahme aus dem Darm und regen die Darmbeweglichkeit an.

Lassen Sie sich also nicht verrückt machen. Vertrauen Sie einfach Ihrem Bauch!

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben