Zeitung Heute : Gartenobjekt für Naturburschen

Die Multifunktionswand „Walden“ des Designers Nils Holger Moormann bietet auch Platz zum Skatspielen

Elfi Kreis

„Hausrat!“ rief er mitleidig, „Gottseidank brauch ich kein Möbelmagazin, um stehen oder sitzen zu können“. Ein Zitat aus „Walden. Oder das Leben in den Wäldern“ des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau, der in dem Werk sein Leben im Einklang mit der Natur beschreibt. Am 4. Juli 1845 hatte er sich eine Axt geliehen, war in die Holzhütte eines Freundes am Walden See nahe der Ortschaft Concord im US-Bundestaat Massachusetts gezogen, um dort zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage ein autarkes Dasein zu erproben. Thoreau, ein intellektueller Naturbursche auf seinem frühen Selbsterkenntnistrip. Der erste Verfechter von „Nachhaltigkeit“, lange bevor der Begriff überhaupt geprägt wurde: ein Mann, so recht nach dem Geschmack des Designers und Möbelverlegers Nils Holger Moormann, selbst ein überaus erfolgreicher Querdenker seiner Branche. Seit 1982 produziert und vertreibt der Autodidakt als einer der Protagonisten des „Neuen Deutschen Designs“ eigene Objekte und die anderer Designer, von jungen Talenten und Stars wie Konstantin Grcic, Patrick Frey, Markus Boge oder dem Berliner Axel Kufus. Im oberbayerischen Aschau im Chiemgau hat er in ehemaligen Pferdeställen unter dem Dach eines traditionellen Fachwerkhauses seine unkonventionelle Ein-Mann-Firma zu einem florierenden Unternehmen mit 20 Beschäftigten entwickelt, das mit einer Fülle internationaler Designpreise ausgezeichnet wurde. Einfachheit, Erfindungsgeist und subtiler Humor kennzeichnen die Entwürfe Moormanns, den man als Jacques Tati des Designs bezeichnet hat. Das Buch Thoreaus, der heute als Urvater des Umweltschutzes gilt, stand Pate für einen seiner eigenwilligsten Entwürfe der letzten Jahre: das Gartenobjekt „Walden“.

Eine „ungewöhnlich proportionierte Zündholzschachtel für tatkräftige Gartenbesitzer“ nennt Moormann seine Multifunktionswand aus Lärchenholz. Was zunächst wie eine Kreuzung aus riesiger Bretterschrankwand, begeh- und bewohnbarem Setzkasten aussieht, in dem zahlreiche Gartengeräte wie Schaufel, Rechen und Schubkarre griffbereit Platz finden, ist im Grunde eine Art Zauberwerkzeugkasten zur Wunscherfüllung der Sehnsucht nach einem einfachen wie wohlstrukturierten Leben draußen in freier Natur. Nicht nur Blumentopf und Gießkanne, Vogelhäuschen und Meisenknödel, Feuerholz oder Petroleumlampe bekommen praktisch wie raumsparend ihren Stammplatz beigemessen. Wie Sammlerstücke einer Ausstellung werden sie dabei effektvoll in Szene gesetzt. Das Nützliche wird reduziert und dabei zelebriert: für die Lagerfeuerromantik gibt es eine ausschwenkbare Feuerschale mit Grillrost und der in Stuttgart gebürtige Wahlbayer hat auch eine zünftige „Brotzeitklappe“ mit Platz für die Biergläser nicht vergessen.

Der moderne Thoreau muss sich entscheiden, ob er unten in der Sitzkoje mit Buchregal auf bordeauxroten Kissen Platz nehmen will. Oder ob er über eine Leiter hinauf ins Oberstübchen klettert, wo vier Personen einen Sitzplatz finden, wenn sie gemütlich zusammenrücken. Moormann hat „Walden“ sorgsam und mit einem Augenzwinkern gelesen: „Ich hatte drei Stühle in meinem Hause, einen für die Einsamkeit, zwei für die Freundschaft, drei für die Gesellschaft“ schreibt Thoreau. Ein vierter Besucher musste stehen. Moormann macht auch Skatspielen möglich. Man kann aber auch wie von einem Hochsitz aus einfach nur die Aussicht genießen. Oder sich auf dem Bett ausgestreckt unters Acrylglasschiebedach legen, um Wolken und Sterne zu beobachten.

Gebaut wird „Walden“ von der benachbarten Firma Aicher Holzhaus. Die Maße – 3,86 Meter Höhe, 1,10 Meter Breite, 6,50 Meter Länge – hat Moormann so gewählt, dass sein Gartenobjekt komplett auf einen Tieflader und unter Autobahnbrücken hindurchpasst. 2007 wurde es zur Kölner Möbelmesse auf dem Rasen vor dem Kölnischen Kunstverein vorgestellt und hat inzwischen zwei Preise gewonnen. Eine Gartenskulptur für Individualisten, die allerdings nicht so günstig wie Thoreau über die Runden kommen, den sein Heim exakt 28 Dollar kostete. Mit etwa 39 500 Euro (inklusive einiger Geräte) hat Moormanns „Walden“ seinen Preis.

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