Gasag-Kunstpreis : Von Detektiven und Pelikanen

Susanne Kriemanns Pinsel ist das Archiv – die Recherche-Künstlerin erhält im September den Gasag-Kunstpreis.

von
Kriemann
Die Sammlerin. Susanne Kriemann mit ihrer geliebten Hasselblad Kamera und Büchern von Agatha Christie. -Foto: Thilo Rückeis

Susanne Kriemann will die Pelikane. Unbedingt. Sie wären die Krönung ihrer Arbeit: vier ausgestopfte Riesenvögel, vor hundert Jahren stolze Exponate des Berliner Naturkundemuseums, dann Kriegsversehrte, Kellerleichen. Seit Jahrzehnten fehlt das Geld für ihre Restaurierung. Doch Susanne Kriemann will sie so, wie sie sind: Vogelmajestäten mit Einschusslöchern, fotografiert vor einer weißen Wand. Dass so ein Foto auch für das Naturkundemuseum eine Bereicherung wäre, davon muss die Künstlerin die Museumsleute erst mal überzeugen. Denn in der Wissenschaft zählen die Fakten. Anders als in der Kunst: Da zählt alles.

Susanne Kriemann mag Vögel. Wenn sie auf ihrem Balkon im zehnten Stock eines Plattenbaus am Alexanderplatz steht und mit ihrem durchdringenden Blick über die Stadt sieht, ist eine gewisse Verwandtschaft unübersehbar. Dieser Tage erlebt die Künstlerin manchen Höhenflug. Im Herbst wird ihr der diesjährige Gasag-Kunstpreis verliehen, mit dem in Zukunft Positionen zwischen Wissenschaft und Kunst gewürdigt werden sollen. Immer mehr Künstler beziehen wissenschaftliche Methoden und dokumentarisches Material in ihre Arbeit ein. „Das Archiv ist der Pinsel und die Leinwand“, sagt Susanne Kriemann.

In Büchern und Ausstellungen untersucht Susanne Kriemann die Wissensordnungen der Moderne. Ihr Künstlerbuch „One Time One Million“ zeigt Vogelaufnahmen des schwedischen Fotografen Victor Hasselblad, Erfinder der legendären Hasselblad-Kamera. Die war ihm 1941 sprichwörtlich vom Himmel gefallen, in einem deutschen Jagdflieger. Er musste sie nur nachbauen. Heute sind Hasselblad-Kameras teure Liebhaberstücke, und Kriemann schoss sich ihre eigene, auf einer Auktion in Stockholm, Nummer vier aus der allerersten Serie. Den Preis verrät sie nicht. Wie im Rausch habe sie gesteigert.

Mit ihrer Hasselblad stieg sie dann selbst im Hubschrauber in den Himmel und fotografierte die modernistischen Utopien schwedischer Sozialbausiedlungen, in denen heute vor allem Migranten wohnen, Wandervögel, deren Satellitenschüsseln die Richtung anzeigen, in der die Heimat liegt. Schließlich führt das Buch ins Naturkundemuseum, mit Fotos von Vogelpräparaten, aufgereiht in Schubladen, mit Schildern an den Füßen. Und verfolgt so die Höhenflüge des modernen Blicks, der die Welt als Ansammlung von Sachverhalten begriff, die es zu archivieren, zu kombinieren und zu interpretieren galt. Pelikane zum Beispiel.

Ein anderes Thema in Kriemanns Werk ist der Umgang der Gesellschaft mit historischen Schwergewichten. In der Schau „Berlin 89/09“ in der Berlinischen Galerie war bis vor kurzem ihre Dokumentation über die Renovierung jenes Betonzylinders zu sehen, den Albert Speer 1941 nach Tempelhof setzte, um die Eignung des Märkischen Sandes für seine Germania-Pläne zu testen. Der Schwerbelastungskörper (ein sehr deutsches Wort) diente auch nach dem Krieg etwa zur Berechnung der Tragfähigkeit des Messegeländes für das ICC.

Die Installation, ursprünglich für die Berlin Biennale 2008 entstanden, kombinierte Fotos vom Bau des Schwerbelastungskörpers mit Fotos seiner 2007 unternommenen Renovierung, die teils kaum unterscheidbar waren. Ein Kriemann-Trick: historischen Fotofilm verwenden, das verwischt die Spuren. Orangene Scheinwerfer tauchten die Bilder ins Licht einer Dunkelkammer. Als sehe man zu, wie Geschichte sich entwickelt, in immer neuen Abzügen.

Während der Renovierung wurde in Mitte der Palast der Republik abgetragen, jenes einzigartige Beispiel modernistischen Glamours – um die Geschichte mit einer verkappten Schlosskopie zurückzudrehen. Susanne Kriemann ist überzeugt, dass da mehr am Werk war als bloßer Zufall. „Hier lässt sich ablesen, wie sich eine Gesellschaft aus Bezugnahmen auf die Vergangenheit definiert.“

Es ist eine schwierige Arbeit. An diesem Beton-Monolith prallt alles ab, er macht jeden künstlerischen Kommentar zur Fußnote. Das Buch zur Arbeit zieht die Konsequenz und zeigt über 390 Seiten das immer gleiche Schwarzweiß-Foto des Schwerbelastungskörpers. Man blättert und blättert, das Ding geht nicht weg.

Es könnte das Drehbuch für die zurückliegenden Winterwochen sein: Täglich grüßt der Grauschleier, Stadt in Eis, gefrorene Zeit. Fünf Wochen nach dem ersten Besuch bei Susanne Kriemann schmilzt zum ersten Mal der Schnee, die Mittagssonne erhellt den Alexanderplatz.

Die Künstlerin ist gerade zurück aus Gent, wo sie ihre Ausstellung „Ashes and brickwork of a logical theory“ eröffnete, die im September in der Berlinischen Galerie zu sehen sein wird. Die ganze Familie war dabei: Ihr Mann Aleksander Komarov, selbst beachteter Filmkünstler, und die beiden Söhne.

Mit zärtlicher Faszination führt Kriemann Fotografien Agatha Christies vor, die sie im neuesten Projekt verwendet hat, Aufnahmen von Ausgrabungsstätten in Syrien und Irak: „Sie wollte Intensität, das Persönliche.“ Die Schriftstellerin, deren Detektivromane als Archäologie modernen Denkens gelesen werden können, sie war selbst Archäologiefotografin. Kriemann kombinierte ihre Bilder und Fragmente aus Christie-Texten mit eigenen Fotos aus Syrien zu einem bildnerischen Essaybuch. Sie kopiert, collagiert und arbeitet um. Dabei sind die Quellenangaben mit das wichtigste. Kriemann glaubt an den Autor, an Originalität. Sie ist mindestens so sehr Poetin wie Forscherin.

„Das nebensächlichste Detail ist oft das wichtigste“, sagt Sherlock Holmes. Als Verbindung von Wissenschaftler und Abenteurer ist der Detektiv eine Schlüsselfigur der Moderne. Als Detektivin arbeitet auch Susanne Kriemann, abseits institutioneller Pfade. Wie ein Detektiv der Polizei zuarbeitet, ihr die Details liefert, die sie übersieht, so tragen Künstler wie sie im Gefolge der Wissenschaft, die längst nicht mehr das Monopol auf universale Wahrheit beanspruchen kann, zur Aufklärung bei. Dass Kriemann selbst in einem DDR-Plattenbau wohnt, „in der Verklemmtheit der Moderne“, zeigt, dass sie zwischen Kunst und Leben nicht trennt. Das Wandregal ist der Corbusier-Kollegin Charlotte Perriand nachgebaut. Auf Brusthöhe liegt die Hasselblad. In den Armen der Künstlerin liegt sie wie ein Baby.

Dieser Tage bezieht Susanne Kriemann ihr neues Studio. Mit Blick auf das Naturkundemuseum. Den Pelikanen ist sie damit schon mal ein Stück näher.

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