Gasstreit : Kann Europa unabhängiger von russischem Gas werden?

Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine ist beigelegt. Vorerst. Europa will daraus lernen und unabhängiger vom russischen Energiekonzern Gasprom werden. Kann das gelingen?

 Albrecht Meier
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In Brüssel ist die Alarmstimmung fürs Erste wieder abgeklungen. Auch wenn der russisch-ukrainische Gasstreit im Kern noch nicht gelöst ist, will Russland ab diesem Dienstag immerhin wieder Gas über die Ukraine nach Mitteleuropa pumpen. Weil aber seit Mitte der vergangenen Woche kein russisches Gas mehr über die Ukraine floss, hat sich die Versorgungslage in einigen Ländern der Europäischen Union in der Zwischenzeit dramatisch verschärft. So beschloss die slowakische Regierung, den Atomreaktor Jaslovske Bohunice wieder hochzufahren. Der Reaktor sowjetischer Bauart war erst zur Jahreswende auf Drängen der EU aus Sicherheitsgründen abgeschaltet worden.

Nicht nur in Bratislava, sondern auch in anderen EU-Hauptstädten wird derzeit fieberhaft überlegt, wie sich angesichts des Gasstreits eine größere Unabhängigkeit vom russischen Gasmonopolisten Gasprom herstellen lässt. Gasprom streitet sich mit dem ukrainischen Versorger Naftogas seit Wochen über den Preis für den Rohstoff. Auch die EU ist abhängig von Gasprom – schließlich stammen immerhin 42 Prozent der Gasimporte der 27 EU-Staaten aus Russland. Eines der Zauberworte, die bei der Suche nach alternativen Gasquellen immer wieder genannt werden, lautet „Diversifizierung“ – also Vereinbarungen mit Gaslieferanten außerhalb Russlands und der Bau von Pipelines, die nicht durch russisches Gebiet führen.

Als wichtigstes Projekt gilt für die EU dabei die „Nabucco“-Pipeline, die auf einer Länge von 3300 Kilometern von der Türkei durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich führen und Gas aus dem kaspischen Raum nach Europa pumpen soll. Bis zu 31 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr könnte „Nabucco“ liefern. Allerdings existiert das Vorhaben bislang nur auf dem Papier.

„Das Problem der alternativen Gasquellen besteht darin, dass man sie nicht über Nacht erschließen kann“, analysiert Antonio Missiroli, Forschungsdirektor beim Brüsseler Think Tank „European Policy Centre“. Projekte wie „Nabucco“, die zu einer größeren Unabhängigkeit der EU vom russischen Gas führen sollen, würden frühestens im nächsten Jahrzehnt verwirklicht, sagt er. Wenn die EU-Staaten dagegen im großen Stil in die Gasverflüssigung investieren würden, könnte sich die europäische Staatengemeinschaft dagegen seiner Meinung nach sehr viel schneller aus ihrer Abhängigkeit von Gasprom befreien. Verflüssigtes Gas, das nur noch einen Bruchteil seines ursprünglichen Volumens hat, kann auf Tanker geladen und weltweit verschifft werden. Allerdings ist die Gasverflüssigung mit hohen Kosten verbunden – in Deutschland wurde der geplante Bau eines eigenen Erdgashafens in Wilhelmshaven zurückgestellt.

Wenn die EU sich derzeit bemüht, Gasprom als wichtigsten Gaslieferanten zu umgehen, dann fühlen sich die Europäer ein bisschen wie in der Geschichte vom Hasen und dem Igel: Überall dort, wo die europäischen Unterhändler an die Tür klopfen, haben auch die Vertreter von Gasprom ebenfalls schon Gespräche geführt. Allein schon wegen der Liefer verpflichtungen gegenüber den europäischen Partnern muss sich Moskau auch außerhalb Russlands inzwischen mit Gas eindecken. Im vergangenen Juli war Gasprom-Chef Alexej Miller zu Besuch in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku und kündigte dort Gespräche über Gaslieferungen von Aserbaidschan nach Russland an. Als Gegenleistung bot Moskau seine Dienste als Vermittler im jahrelangen Streit zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Provinz Bergkarabach an.

Es kommt auch nicht von ungefähr, dass Russlands Präsident Dmitri Medwedew – früher Aufsichtsratschef bei Gasprom – im vergangenen Sommer die drei ehemaligen Sowjetrepubliken Aserbaidschan, Turkmenistan und Kasachstan besuchte, um dort höhere Gaspreise anzubieten. Der Schachzug dürfte dazu gedient haben, das europäische Projekt der „Nabucco“-Pipeline zu durchkreuzen. „Momentan besteht das Ziel Moskaus ganz klar darin, das Gas aus Zentralasien abzuziehen und nicht für die ,Nabucco‘- Pipeline verfügbar zu machen“, sagt Florian Haslauer, Energieexperte der Unternehmensberatung A. T. Kearney. Mit Kasachstan wurde Gasprom dabei im vergangenen Jahr handelseinig: Kasachstan sichert mit seinen Gaslieferungen inzwischen einen Teil der russischen Exporte.

Nicht nur in Zentralasien sucht Gasprom nach neuen Geschäftspartnern, sondern auch in anderen Gegenden der Welt. Mitte des vergangenen Jahres vereinbarte der russische Monopolist mit dem algerischen Energieversorger Sonatrach die gemeinsame Erschließung von Feldern und den Bau von Pipelines. Und Ende 2008 schloss Gasprom mit dem libyschen Staatschef Muammar al Gaddafi eine Vereinbarung über künftige Lieferungen aus dem Wüstenstaat.

Beunruhigend wirkt aus europäischer Sicht auch das Gasforum, das 14 der wichtigsten Förderländer im vergan genen Monat in Moskau gründeten – darunter Russland, Katar und der Iran. Kritiker sprechen bereits von einem „Gas kartell“, das künftig die Preise diktieren werde.

Auch wenn Gasprom sein Betätigungsfeld auf zahlreiche Regionen ausbreitet, ist es für die Europäer im internationalen Gasgeschäft noch nicht zu spät. Das ist zumindest die Meinung des Experten Ian Cronshaw von der Internationalen Energieagentur in Paris. Trotz der Bemühungen des russischen Gasriesen verschlechterten sich die Investitionsmöglichkeiten für europäische Gasversorger derzeit nicht, sagt er.

Auch Kirsten Westphal, Energieexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, glaubt an die Chancen der EU auf dem Gasmarkt. Zwar habe Gasprom mit den zentralasiatischen Staaten Verträge abgeschlossen, „um den Fluss des Gases aus Zentralasien zu monopolisieren“. Aber es sei keineswegs ausgemacht, dass die zwischen Gasprom und den nordafrikanischen Ländern Algerien und Libyen abgeschlossenen Vereinbarungen in jedem Fall zu einer Marktbeherrschung durch den russischen Energiekonzern führen würden. Die EU-Länder hätten sowohl durch eine Zusammenarbeit mit nordafrikanischen Staaten als auch mit Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan eine Chance, auf dem Gasmarkt eine größere Unabhängigkeit von Russland zu erlangen. In jedem Fall werde Gasprom allerdings „ein großer Lieferant bleiben“, meint Westphal. Letztlich gehe es um die Frage, wie die EU „ein kooperativeres Verhältnis“ mit Moskau herstellen könne. Wenn die EU sich um eine Diversifizierung ihrer Gasquellen bemühe, müsse die Gemeinschaft nicht nur auf die Weltkarte blicken – sondern auch ihr internes Verbundnetz und ihre Speicherkapazitäten ausbauen, sagt die Expertin.

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