Zeitung Heute : Gaza, Bagdad, Berlin

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Sie kommen aus der ganzen Welt, halten ihre Fähnchen in den Wind und klopfen sich stolz aufs Landeswappen. Hier stellen wir Fußballpilger vor, die loszogen, um nah dran zu sein.

Yuri Cortez saß etwa 15 Meter neben Philipp Lahm, als der den Ball in den Torwinkel der Costa-Ricaner zirkelte. „Das tat schon weh“, sagt er, „aber das Foto war der Wahnsinn“. Yuri knipste an diesem Nachmittag seine Lieblingsmannschaft für die französische Nachrichtenagentur AFP im Münchner Stadion. Der 41-Jährige aus Salvador ist eines dieser zahllosen Männchen, die in ihren Neon-Leibchen hinter den Werbebanden kauern und Teleobjektive schultern, mit denen man auch problemlos Baseball spielen könnte. Seit Jahren fotografiert er das Team aus Costa Rica. Viele Spieler kennt er persönlich, und bei den Trainingseinheiten der Mittelamerikaner spielen ihm Wanchope und Kollegen schon mal einen Ball in den Fuß. Yuri wollte unbedingt zur Weltmeisterschaft nach Deutschland, um nah bei der Mannschaft zu sein, und die Alternativen für diesen Sommer hörten sich eher ungemütlich an. „Ich hätte wieder nach Gaza oder in den Irak gemusst“, erklärt der Vater von zwei Kindern. Yuri Cortez war oft einer der Ersten an den Anschlagsorten in Bagdad und lieferte Fotos vom Schrecken in die ganze Welt. Genau diese Erfahrung hätte ihn beinahe die WM gekostet. „Die setzen gerne Leute ein, die schon einmal dort waren. Aber bei meiner Agentur habe ich auch die größte Erfahrung als Fußballfotograf.“

In Deutschland begeistern ihn besonders die Stadien. „Wenn wir solche Stadien in Salvador hätten, würden wir uns bestimmt auch mal für eine WM qualifizieren“, meint Yuri grinsend. Dann könnte er endlich das Team seiner Heimat auf den großen Reisen begleiten. Aber Costa Rica zieht er dem sunnitischen Dreieck vor. Denn er bekommt lieber mal einen Lederball auf sein Objektiv als eine Bleikugel.

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