Zeitung Heute : Gazeteler Rückblick

Der Tagesspiegel

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Von Suzan Gülfirat

„Jetzt reicht’s“, titelte am Sonnabend die Tageszeitung Hürriyet in großen Buchstaben. Aber auch nach der Lektüre des Textes war dem Leser nicht klar, von wem das Zitat, das sich wie eine Drohung anhört, eigentlich stammt. In den Unterzeilen hieß es: „In dem Dorf Basdorf in Deutschland haben bei einer Veranstaltung zu der Situation der türkischen Familie, die von Rassisten angegriffen wird, Skinheads gesagt: ,Wir wollen keine Ausländer.‘“ Die Zeitung berichtete über das Basdorfer Treffen mit der deutsch-türkischen Familie Canaydin auf der Titelseite ihrer Europa-Beilage. Dazu zeigte das Blatt auch ein Bild von zwei Skinheads, die ebenfalls auf der gut besuchten Veranstaltung waren, und zitierte sie: „Wir wollen keine Ausländer“ und „Wir hassen Ausländer“, sollen sie zu dem Hürriyet-Reporter gesagt haben.

Die anderen türkischen Zeitungen berichteten über die Diskussion, zu der auch der türkische Generalkonsul gekommen war, nicht unbedingt ausführlicher. Aber die Texte waren prominenter positioniert und die Zeitungen zeigten Fotos von der Veranstaltung. Die Tageszeitung Milliyet hatte sogar einen bebilderten Anriss auf der Titelseite. Auf der Seite vier zeigte auch diese Zeitung ein Bild von rechten Jugendlichen und ein Bild von der Bürgermeisterin des Ortes. „Die Bürgermeisterin wirft einen Schatten auf die historische Versammlung“, lautete die Überschrift zu dem Text. Die Zeitung erklärte, warum: „Die Bürgermeisterin (Heidi) Freistedt hat unseren Generalkonsul in Berlin nicht begrüßt.“

Während die deutschen Zeitungen bestenfalls die Anwesenheit des türkischen Diplomaten erwähnten, zitierten ihn die türkischen Zeitungen zum Teil in einem gesonderten Kasten. Die Tageszeitung Türkiye zeigte sogar ein Gruppenbild mit ihm, der Mutter Martina Canaydin und ihren Freunden. Im Text wurde auch der Konsul zitiert: „Aydin Durusoy wies indes darauf hin, dass 500 000 Türken deutsche Staatsbürger sind. Dass sie integriert sind, zeigten sie mit ihrem Erfolg im Erziehungs-, Kultur-, und Sportbereich, sagte er. (…) ,Ich möchte Sie alle in die Türkei einladen, damit sie die türkische Gastfreundschaft und die Kultur kennenlernen. Deshalb habe ich Ihnen Broschüren über die Türkei mitgebracht‘, sagte er.“

Was die Türken interessiert, muss eben nicht gleichzeitig auch die Deutschen interessieren und umkehrt. Am Freitag berichtete die Tageszeitung Milliyet gar auf der Titelseite „exklusiv“ über ein Thema, das in deutschen Zeitungen ebenfalls kaum Erwähnung gefunden hätte: „Schröders Tochter hat die doppelte Staatsbürgerschaft.“ Auf der Seite vier berichtete die Zeitung, dass ihr Reporter sich bei der Präsentation einer Schröder-Biografie in Sachsen-Anhalt mit dem Autor des Buches, Reinhard Urschel, unterhalten habe. Dieser habe erzählt, dass die Stieftochter des Bundeskanzlers die deutsche und die amerikanische Staatsbürgerschaft habe, weil sie in Amerika geboren sei. Deshalb titelte Milliyet zu dem Text im Innenteil: „Er hat sie (die doppelte Staatsbürgerschaft) den Türken nicht gegeben, aber seine Tochter ist Doppel-Staatsbürgerin.“

Im Text relativierte die Zeitung diese Aussage jedoch. Darin hieß es, dass Schröder die doppelte Staatsbürgerschaft für sinnvoll halte, aber dies bei der Verabschiedung des neuen Staatsbürgerschaftsrechts nicht habe durchsetzen können. Reinhard Urschel habe der Milliyet allerdings gesagt, dass dies alles nicht im Buch stünde, weil er sein Werk um fast 200 Seiten habe kürzen müssen. Was in dieser Biografie, die seit kurzem auf dem Büchermarkt ist, sonst noch steht, erfuhr der Leser nicht.

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