Zeitung Heute : Geb. 1933

Der Tagesspiegel

Seine Linke war gefürchtet, also nannten die GIs ihn Lefti. Jazzplatten schmuggelte er von West nach Ost und wieder zurück.

Mit 15 Jahren war der Schildermalerlehrling Klaus Jürgen ein schmächtiger Junge mit eingefallenen Wangen. Der Vater war abgehauen, Geschwister gab es nicht. Außer seiner Mutter, einer Schneiderin, war da niemand, der ihn hätte beschützen können.

Klaus Jürgen lebte mit seiner Mutter in der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg, die Fäuste saßen hier locker in den ausgebeulten Hosentaschen. Klaus Jürgen, dessen Mundwerk schneller war als seine Fäuste, bekam häufig Prügel. Irgendwann reichte es ihm. Er begann selbst zu trainieren, zunächst auf der Straße, dann im Verein. Klaus Jürgen Heinicke wurde Boxer. Kurz nach Kriegsende hatte er es dank seines Boxtrainers Kurt Rosentritt zu einigem Ruhm und dank der amerikanischen GIs auch zu einem Spitznamen gebracht. Lefti wurde er von allen genannt, sein Linksausleger war legendär. Lefti blieb er für viele Freunde bis zum Schluss.

Seinem Trainer hatte der junge Sportler es zu verdanken, dass nicht nur seine Boxtechnik besser wurde. „Rosentritt legte Wert darauf, dass seine Schützlinge sich bildeten“, erzählt Heinickes Frau. Der Boxlehrer eröffnete dem lebenshungrigen Heranwachsenden eine neue Welt: Er begann, Bücher zu lesen Literatur, er ging ins Theater – und er hörte Musik. Der Individualist und heimliche Melancholiker entwickelte eine große Leidenschaft für den Jazz und den Blues.

Seit Anfang der Fünfziger leitete er einen Jazzclub in Ost-Berlin, den Jugendclub in der Gartenstraße. Er organisierte Diskussionen, veranstaltete Konzerte und freundete sich mit vielen Musikern an. Solange die Grenze nach West-Berlin noch offen war, besuchte Heinicke dort viele Konzerte. Besonders oft war er in der „Eierschale“, dem legendären Jazzkeller in Dahlem. Er knüpfte Kontakte, die auch nicht zerbrachen, als die Mauer gebaut wurde.

Die sozialistische Einheitsregierung hatte die Jazzmusik, die amerikanische, ein paar Jahre lang geduldet, dann entschied sie sich für die strengere Reinhaltung der Lehre: Der Ost-Berliner Jazzclub wurde geschlossen, in den Läden konnte man solche Musik nicht kaufen. Aber es gab die unterschiedlichsten Schleich- und Schmuggelwege für Literatur und vor allem für Schallplaten. Heinicke hatte bald ein eigenes Fach in einem West-Berliner Plattenladen. Eine Sammlung von über 1500 Schallplattten entstand im Laufe der Jahre. Die meisten davon verband Klaus Jürgen Heinicke mit persönlichen Erinnerungen.

Irgendwie gelang es dem gelernten Wirtschaftswissenschaftler, in seinem Beruf zu arbeiten, in einem ganz normalen Büro, und dabei doch mit der Musik zu tun zu haben: Er war Ökonom bei der VEB Schallplatte am Reichstagsufer. Geträumt hat er allerdings von anderem. Er wollte Talente fördern, Platten zusammenstellen, Konzerte organisieren. Zwar schätzte man seine Musikkentnisse, doch Heinicke weigerte sich in die Partei einzutreten. So blieb er in seinem Büro sitzen.

Auch beim Boxen lief es nicht so, wie es sich Heinicke vorstellte. Inzwischen war er vom Ring auf die Trainerbank gewechselt. Viele Jahre hatte er sich im Trainingszentrum Mitte und in Köpenick engagiert und die jungen Boxer für die Spartakiade vorbereitet. „Kurz vor der Jugendspartakiade 1987 wurde ihm nun mitgeteilt, dass seine Jungs nicht an den Start gehen könnten. Die Startlisten seien nicht angekommen. Klaus hat getobt“, berichtet seine Frau.

1988 war das Maß endgültig voll. „Wir wollten weg“. Klaus Heinicke, der später mal gesagt hat: „Wir waren schon im Osten Westler“, stellte Anfang 1989 für seine Familie einen Ausreiseantrag. Am 11. September 1989 kam der Bescheid, im Oktober, wenige Wochen vor der Maueröffnung, reiste Klaus Jürgen Heinicke mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn aus. Die verbotenen Bücher und Platten wurden nun in denselben Taschen, Kofferräumen und Werkzeugkisten, in denen sie in den Osten gekommen waren, wieder zurück nach West-Berlin geschmuggelt.

Hier hoffte Heinicke auf eine Stelle als Fachberater in einem Musikladen. Doch daraus wurde nichts. Der Jazzfan, inzwischen 56 Jahre alt, wurde ganz normaler Plattenverkäufer. Doch schon in der Probezeit begannen die Herzprobleme. Am 27. Dezember 1989 bekam er die Kündigung.

Es folgten Herzinfarkte und Operationen. „Aber er hat immer weiter gekämpft“, sagt seine Frau. Klaus Jürgen Heinicke hatte ja noch eine Menge vor. An erster Stelle stand die Reise in die USA. Einmal auf den Spuren der Jazz- und Bluesmusiker durch Alabama, am Mississippi entlang, nach New Orleans reisen. Im Herbst 1994, der Arzt hatte es erlaubt, brach er mit seiner Frau und zwei Freunden auf. Ein Traum ging für ihn in Erfüllung. Mit 65 Jahren dann die zweite USA-Reise. Akribisch hatte er sich vorbereitet auf die Fahrt auf der legendären Route 66, Bücher und Karten hatte er gewälzt, Biographien gelesen, damit bloß kein Ort, der für den Jazz eine Rolle gespielt hatte, vergessen würde.

Klaus Jürgen Heinicke, Lefti oder Schmiege wie ihn sein Freund, der Schriftsteller Klaus Schlesinger in seinem Roman „Die Sache mit Randow“ genannt hat, wird sicherlich auch nicht so schnell vergessen:

. . . Ich nahm keinen Blick von Schmiege, der in den Knien wippte und die Arme schlenkerte, als wolle er heraus aus seiner Haut, aus seinem fleckigen, knapp sitzenden Schildermalerkittel, aus seinen klobigen, mit gelben Senkeln geschnürten Bergsteigerschuhen, bis er sich plötzlich drehte auf einem Bein und mit dem anderen einen kieselgroßen Stein auf den Damm schoss und die Schultern hob und grinsend sagte: „Hab ich gesponnen. Na und?“

Ursula Engel

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