Zeitung Heute : Gebirge

Claus Vetter

Dass der Harz so schön ist, liegt vermutlich daran, dass es – landschaftlich und klimatisch gesehen – drum herum ziemlich langweilig ist. Wo sonst im Norden finden sich noch sauber verschneite Landschaften und romantisch zugefrorene Seen? Im Sommer kann man auf dem Brocken wandern gehen; in der legendären Schmalspurbahn, die auf dem Weg von Wernigerode nach Nordhausen zwischen den beiden kleinen Orten „Elend“ und „Sorge“ verkehrt, kann man sich wunderbar dem Weltschmerz hingeben. Es macht einen echten Harzer ja auch melancholisch, dass kein Mensch in Restdeutschland weiß, dass der Harzer Käse, jene fantastisch klebende, gummiartige Kreation, eigentlich hervorragend schmeckt. In ganz Deutschland heißt dieser Käse Harzer Roller, nur im Harz nicht. Im Harz heißt ein Kanarienvogel so.

Der Harz ist das Florida Deutschlands: ein Rentnerparadies. Nach dem Fall der Mauer ist die Region zusammengewachsen. Der „Schierker Feuerstein“, ein Likör, kommt nun endlich wieder aus Schierke. Leider sind Flüge nach Mallorca für Hamburger und Berliner günstiger zu haben, als ein Bahnticket nach Braunlage, wo am Wurmberg die einzige Skisprungschanze des Nordens steht. Vielleicht ist der Grund für das schlechte Image des Harzes auch, dass der norddeutsche Nichtharzer den Bergen nicht traut, nicht gerne Ski fährt und es nicht mag, mit dem Auto durch Kurven und nochmals Kurven zu fahren.

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