Zeitung Heute : Gebrochene Herzen

DIETMAR WENCK

Am Tag nach Steffi Grafs Rückkehr auf den Centre Court von Wimbledon weinte England - aber nicht wegen der Tränen, die dem deutschen Tennisstar nach seinem Sieg über die Spanierin Leon Garcia übers Gesicht flossen.Das emotionale Comeback der siebenmaligen Wimbledon-Championesse rührte nur am Rande der Reportagen ein wenig mit.Die nationale Wehmut galt der 1:2-Niederlage von Englands Fußballern gegen Rumänien bei der Weltmeisterschaft in Frankreich.Seit Wochen wird die britische Öffentlichkeit mit seitenlangen Berichten in sämtlichen Tageszeitungen auf den 12.Juli eingestimmt, an dem England endlich den zweiten WM-Titel gewinnen soll, gewinnen muß! In den Pubs, in denen die Partie selbstverständlich live übertragen wurde, floß das Bier in Strömen in die Kehlen der nicht nur erwartungsvollen Fans.Und nun dies."Englands Herzen sind gebrochen", titelte der seriöse "Independent"."Times", "Daily Telegraph" und "Guardian" verstärkten den Schmerz mit dem Bild des Team-Captains Alan Shearer, wie er den Ort des unfaßbaren Geschehens frustriert mit einem rumänischen Trikot über den Schultern verläßt.

Das Massenblatt "Sun" hat den Schuldigen auf eigenwillige Weise ausgemacht: Kevin Keegan.Der Ex-Star Englands und des Hamburger SV hatte sich im Fernsehen nach dem umjubelten 1:1 durch Michael Owen zu der Behauptung hinreißen lassen: "Jetzt kann nur noch ein Team gewinnen, und das ist England!" Tags darauf meldeten sich im "Sun" empörte Zuschauer zu Wort, die zwar nicht alle gleich forderten, Keegan "abzuschießen", wie der Ingenieur Wally Arthur aus Manchester.Aber hatte derselbe Keegan nicht schon beim Spiel Italiens gegen Chile gesagt, Salas sehe nicht aus, als könne er das Tor treffen (der Chilene traf später zweimal).Janey Garfoot aus Lincoln spürte es sofort: "England hatte keine Chance gegen Keegans Fluch." Man sollte dem Mann nahelegen, bei seinem nächsten TV-Auftritt zu erklären, England werde nie und nimmer Weltmeister.Vermutlich hilft nur das.

Doch der "Sun"-Leser bekommt auch andere Sündenböcke präsentiert, die in der Tat mehr Einfluß auf das Geschehen in Toulouse hatten.Zum Beispiel Team-Manager Glenn Hoddle, der sich geweigert hatte, den 18jährigen Wunderknaben Owen von Anfang an spielen zu lassen.Ganz England hatte es besser gewußt - hoffentlich weiß es Glenn nun auch ("Wir müssen das als eine Lektion verstehen" - "The Independent").Oder Torwart Seaman, der sich beim Siegtreffer Dan Petrescus den Ball wie ein Anfänger durch die Beine schieben ließ.Die gesamte Abwehr wird als ein "Haufen Schulkinder" abqualifiziert.

Und Wimbledon? Und Tim Henman, der Stolz englischer Schwiegermütter, der sich gegen Jiri Novak über fünf Sätze in Runde zwei quälte? Böse war er, weil Fans ihn während des Spiels lautstark baten, sich zu beeilen.Sie wollten rechtzeitig zum Fußball in die Pubs oder auf die heimische Couch."Ich habe meine Konzentration verloren", klagte Henman.

Ach ja, getrauert wurde auch am Rande des heiligen Rasens: Liebling Anna Kurnikowa sagte wegen einer Daumenverletzung ihre Teilnahme ab.Der "Guardian" formulierte treffend: "Daumen runter für Kurnikowa".Unsere Antwort: Kopf hoch, England!

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