Zeitung Heute : Geburt und Sterben zugleich

KERSTIN DECKER

Neuer arabischer Film - Retrospektive des Festivals von Karthago 1996 im Haus der KulturenEin junger Mann kommt aus einem kleinen algerischen Dorf nach Paris.Eigentlich soll er hier nur einen Koffer abholen für den "Chef", aber manchmal dauert so etwas Tage, ja Wochen.Genug Zeit, eine junge Schwarze vor rassistischen Franzosen zu retten, sich in Paris und dieses Mädchen zu verlieben und sogar, das Fliegen zu lernen - auf dem Motorrad, vor Leichtigkeit und Glück.So könnte es sein, und das sieht man "Salut Cousin!" des Algeriers Merzak Allouache in jedem Augenblick an.Ein sympathischer Film, ohne Zweifel; aber wofür hat er beim Festival des arabischen Films in Karthago 1996 den ersten Preis gewonnen? Vielleicht für seine Vision? Denn dieses Moment des Einmaligen, auf das man bei preisgekrönten Filmen hofft, hat "Salut Cousin!" wohl nicht, mit dem die Retrospektive des Festivals im Berliner Haus der Kulturen der Welt eröffnet wurde ("Salut Cousin" wieder am 15.Juni).Andererseits - wie muß es um uns bestellt sein, wenn man schon als Klischee wahrnimmt, was für andere noch lauterste Hoffnung ist? Arabischer Film - viel unmittelbarer noch ist es ein Kino der Wirklichkeits-Brüche, des Abstreifens von Traditionen des Neubeginns. Bis zum 25.Juni wird ein Festival vorgestellt, das in Tunis alle zwei Jahre wie ein riesenhafter Markttag über die Stadt kommt.Rund 124 000 Eintrittskarten wurden 1996 verkauft, viele bleiben dennoch draußen vor den Kinos stehen.Und doch werden die meisten dieser Filme nachher nie wieder zu sehen sein.Es gibt einfach keinen Verleih für einheimische Produktionen in den arabischen Ländern.So bedeute das Festival, die Geburt eines Films zu erleben und schon sein Sterben.Das tut sehr weh, sagt Merzak Allouache im Gespräch.Zögernd nur wird das anders, auch durch Retrospektiven wie diese.Am Sonntag um 12 Uhr ist einer der größten ägyptischen Filmerfolge der letzten Jahre zu sehen: "La Vie, ma Passion!" von Magdi Ahmed Ali.Drei Frauen kämpfen um die Männer und die Liebe.Nein, so etwas tun ägyptische Frauen? Am Abend lädt das Haus der Kulturen der Welt zu einer Podiumsdiskussion mit Ben Ammar, dem Direktor der "Journées Cinématographiques de Carthage", Merzak Allouache, dem Filmkritiker Pierre Haffner und anderen (18 Uhr).Danach wird "Ein Sommer in La Goulette" von Fério Boughedir gezeigt, 1996 bereits Gast der Berlinale.Das ist diese Geschichte dreier Väter - einer katholisch, der zweite muslimisch, der dritte jüdisch - und ihrer sechzehnjährigen Töchter.Anläßlich Maria Himmelfahrt des Jahres 1967 beschließen alle drei, daß es Zeit sei, die Unschuld zu verlieren.Sie haben nur eine Bedingung: einer anderen Religion sollte "er" angehören ...KERSTIN DECKER

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