Zeitung Heute : Geburtsstunde der Moderne

MARKUS KRAUSE

Ausstellung zum 100.Geburtstag der Berliner Secession im Ephraim-PalaisVON MARKUS KRAUSEAusgerechnet eine Landschaft, eine harmlose märkische Landschaft brachte den Stein ins Rollen.Zugegeben, sie war von etwas eigenwilliger Farbigkeit.Der Abendhimmel hing gelblich über dem dunklen Wald am Seeufer.Aber war das ein Grund, das Gemälde auszujurieren? Walter Leistikow hatte den "Grunewaldsee" 1895 gemalt und nun, drei Jahre später, zur Großen Berliner Kunstausstellung eingereicht.Die Zurückweisung brachte das Faß zum Überlaufen, denn unzufrieden mit dem Berliner Kunstbetrieb waren er und seine Malerfreunde schon lange - nicht erst seit 1892, als eine Ausstellung Edvard Munchs vom konservativen Verein Berliner Künstler geschlossen wurde.Bereits in diesem Jahr hatten Leistikow, Liebermann, Skarbina, Ludwig von Hofmann und einige andere aus Protest die "Vereinigung der XI" ins Leben gerufen.Nun war der Bruch vollkommen: Am 2.Mai 1898 wurde die Berliner Secession gegründet.Berlin, das lange im Schatten von München gestanden hatte, wurde jetzt zur bedeutendsten Kunstmetropole Deutschlands. In den folgenden zehn Jahren behauptete sich die Secession als Zentrum der jungen Kunst.Jung, das war vor allem die am französischen Impressionismus geschulte Pleinair-Malerei um Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt.Was die Künstler verband, war ihre tiefe Abneigung gegenüber der Kunstpolitik Wilhelms II., der die bildende Kunst für repräsentative Zwecke instrumentalisierte.Er bekämpfte den von ihm gehaßten Impressionismus ebenso wie die "Rinnsteinkunst" von Käthe Kollwitz oder Hans Baluschek, die in der Secession ebenso ausstellten wie später Beckmann, Feininger, Jawlensky oder Nolde.Daß die junge Kunst in der Reichshauptstadt trotz aller Widerstände reüssierte, lag vor allem am Zusammenwirken von aufgeschlossenen Museumsleuten wie Hugo von Tschudi, Kunstkritikern wie Julius Meier-Graefe, Privatsammlern wie Eduard Arnhold und Galeristen wie Paul Cassirer, der seit 1899 zum Vorstand der Secession gehörte. Auch wenn der deutsche Impressionismus in der Vereinigung unter dem langjährigen Präsidenten Max Liebermann dominierte - bezeichnenderweise kam es 1910 zu der Abspaltung der Neuen Secession, als die Brücke-Künstler abgewiesen wurden -, beweisen die ebenfalls gezeigten Präsentationen von van Gogh, Hodler, Monet, Munch oder Kandinsky, daß die Secession keinesfalls nur die Interessengemeinschaft einer regionalen Künstlerszene war.Der "Berliner Kunstfrühling", so der Titel der Ausstellung im Ephraim-Palais zum 100.Geburtstag der Vereinigung, verdankte sich im Gegenteil letztlich der Lösung aus lokalen Bindungen und der Integration in internationale Zusammenhänge.Hundert Jahre Berliner Secession, das ist nicht nur das Jubiläum einer Künstlervereinigung: Ihre Gründung war für Berlin die Geburtsstunde der Moderne. Angesichts dieser Bedeutung hätte man der jetzigen Ausstellung einen größeren Rahmen, größere finanzielle Mittel, mehr Unterstützung durch Leihgeber gewünscht - etwa durch die Nationalgalerie, die zum Beispiel Leistikows "Grunewaldsee" hätte beisteuern können.Im wesentlichen setzt sich die Präsentation, die ursprünglich im Libeskind-Bau gezeigt werden sollte, aus der Sammlung des Stadtmuseums zusammen.Da sie keine erschöpfende Darstellung des Themas bieten kann und will, lenkt sie den Blick um so mehr auf die zum Teil herausragenden Werke des Museums.Etwa zweihundert Arbeiten von über fünfzig Künstlern, dazu Plakate, Zeitschriften und Kataloge sind versammelt.Zu den Highlights zählen Bilder von Corinth, Ury, Beckmann, Feininger, Kirchner, Meidner und Munch. Munchs 1907 gemaltes Porträt von Walther Rathenau, der zu den frühesten Förderern des Malers gehörte, bildet den Mittelpunkt im zentralen Raum und betont so die Katalysator-Funktion, die der norwegische Künstler für Berlins Aufbruch in die Moderne besessen hatte.Flankiert wird das Gemälde von Bildnissen der wichtigsten Protagonisten der Secession, Liebermann, Corinth, Leistikow, aber auch Ury, Beckmann und Meidner.Bereits hier wird der Stilpluralismus deutlich, der die Vereinigung im Guten wie im Schlechten auszeichnete und schon Jahre vor dem ersten Weltkrieg zu Zerwürfnissen führte.Entsprechend präsentiert sich die Kunst des "markanten Ausdrucks" von Beckmann, Tappert, Kirchner, Heckel und Feininger in den rechts angrenzenden Räumen, die Kunst des "vibrierenden Eindrucks" mit Liebermann, Ury, Leistikow in der gegenüberliegenden Raumflucht. Themenräume, so zur Landschaft, zum Porträt und der Welt des Theaters, beherrschen das zweite Geschoß.Das Großstadtbild belegt schließlich eindrucksvoll eine furiose Straßenszene von Ludwig Meidner von 1913, gefolgt von dem aufgewühlten Mappenwerk "Revolutionstage in Berlin" Ernst Sterns (1919).Das Lebensgefühl der Großstadtexpressionisten war Lichtjahre entfernt von der idyllischen Welt der impressionistischen Vätergeneration, die ursprünglich für so viel Aufsehen gesorgt hatte.Ihre Vorreiterposition hatte die Secession spätestens mit der 1912 gegründeten Galerie "Der Sturm" von Herwarth Walden verloren, der nicht nur die italienischen Futuristen, sondern auch die osteuropäische Avantgarde in Berlin bekannt machte.Die Impressionisten waren zu diesem Zeitpunkt längst Klassiker geworden, sie hatten ihre Schlacht geschlagen.Die neue Avantgarde sollte es schon bald mit noch viel erbitterteren und gefährlicheren Gegnern als sie zu tun bekommen. Ephraim-Palais, Poststr.16, bis 22.März; Di bis So 10-18 Uhr, Katalog 29 DM. 

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