Zeitung Heute : Geburtstagskindern glauben

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Geburtstagskinder sollten an dieser Stelle auf keinen Fall weiterlesen. Sie laufen Gefahr, sich in Disharmonien zu verwickeln. Würde man glauben, wenn man an Horoskope glaubt. Und das tun laut Umfragen mehr als die Hälfte der Deutschen, jedenfalls manchmal. Frauen eher als Männer. Unter den meisten Horoskop-Verfassern gilt es als unumstritten, dass Wassermänner, die zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar, also zum Beispiel heute, geboren sind, auf keinen Fall mit Stieren können, die, wie die Verfasserin dieser Zeilen, zwischen dem 21. April und 20. Mai Geburtstag haben.

Da der Sonntag nun mal der klassische Tag für Glaubensfragen ist, und da man sich denen in ernsten Zeiten wie diesen, am besten spielerisch nähert und da das Wetter eh so grottig ist, bauen wir einfach mal den Stapel noch zu lesender Zeitschriften ab. Eine Sonderstellung nimmt natürlich die „Bunte“ ein, denn in Zeiten, da sich niemand mehr für Politik interessiert, weil sie zu unverständlich und uninspiriert ist, verblassen Nachrichtenmagazine wie „Spiegel“ und „Focus“ bis zur Unscheinbarkeit gegen die glitzernden Zentralorgane des Allzumenschlichen.

Dem Jahreshoroskop der „Bunten“ zufolge sind Wassermänner gleichzeitig kühle Analytiker, verträumte Genies und leidenschaftliche Rebellen, „mal provozierend, mal schüchtern“, einerseits sehr darauf aus, ihre Ungebundenheit zu demonstrieren, andererseits sehr auf Traditionen bedacht. Sie sind geborene Psychologen, halten aber ihre eigenen Gefühle so bedeckt, dass man sie manchmal für emotionslos hält. Kurz: Sie sind eigentlich ganz genau wie alle Männer. Stiere sind danach sanft, meist sehr kreativ, genuss- und sinnesfreudig, eher bedächtig und handfest, obwohl sie unglaublich wütend werden können, sind musikalisch und haben einen ausgeprägten Sinn für Stil und Gastlichkeit. Kurz: Sie sind so gestrickt wie all die anderen Frauen auch. Dieses Spiel kann man in beliebigen Paarungen durchexerzieren, es kommt immer was Passendes dabei heraus. Die Kunst der Horoskopschreiber besteht ja gerade darin, so allgemein zu bleiben, dass sich wenigstens ein Teil ihrer Weissagungen jeder Situation anpassen lässt.

Schließlich leben sie davon, dass man ihnen Glauben schenkt, und der wird durch nichts so sehr gefördert wie durch ein paar Beweise ab und an, die ihn rechtfertigen. Gleichzeitig dürfen die Illustrierten-Propheten aber nicht zu vage bleiben, dann würden sie gegen das erste Gebot ihrer eigenen bunten Unterhaltungsindustrie verstoßen, das da lautet: „Du sollst nicht langweilen.“

Und unterhaltend ist die Lektüre von Horoskopen ja allemal, so ein bisschen wie Schicksalslotto. Aus den Vorgaben kann man sich je nach Mentalität eine rosige oder eine eher frostige Szenerie für die nahe Zukunft basteln. Rosig steht Träumen allerdings besser zu Gesicht. Man muss sich übrigens nicht vor ernsthaften Mitmenschen schämen, wenn man den Anschein erweckt, ein bisschen dran zu glauben. Es ist okay und sogar trendy, solange man sich auf die gnadenlos positiven Horoskope beschränkt. So halte ich es. Obwohl es in meinem bodenständigen Stierleben noch keinen wirklich wichtigen Menschen gab, der dem Sternkreiszeichen nach nicht auch ein Wassermann gewesen wäre.

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