Gedenkjahr 2009 : Schau in eine neue Welt

Robert Ide

Welch ein Wechsel! Mit kalten Sektflaschen in den Händen, mit bunten Böllern am Himmel, mit unverstellter Neugier in den Gesichtern – so fielen sich die Menschen in der Nacht der Nächte in die Arme. Damals. Als vor 20 Jahren die Mauer fiel. Als eine geteilte Welt endlich in sich zusammenfiel und eine neue entstehen ließ. Keine einfache Welt, wie vielen gerade gewahr wird. Aber sicher eine bessere. Daran kann man sich zum Start in dieses neue Jahr erinnern.

Und es ist möglich, gemeinsam zu lernen aus dem Zeitenwechsel. Für diese wechselvollen Zeiten.

Woran denken wir 2009, wenn wir 1989 gedenken? Natürlich an den Mauerfall mit seinen Szenen der Warmherzigkeit, die zuweilen in den Mühen der Einheit verschütt zu gehen schien. Bedacht werden sollte auch, was vorher war: eine friedliche Revolution, die vom Volke ausging. Mutige Menschen machten erst möglich, was heute als normal empfunden wird. Ein nahezu grenzenloses Europa zum Beispiel, das wir gerne bereisen.

Was hat die Revolution gebracht? Die kaum für möglich gehaltene Einheit in Frieden; viele Anfänge mit neuen Freunden, neuen Aufgaben und neuer Substanz in alten Städten. Und das: 16 Millionen Menschen haben sich Freiheitsrechte erobert, welche heute allen selbstverständlich erscheinen, die aber noch längst nicht überall auf der Welt (nicht mal in Europa) selbstverständlich sind. In diesem Jahr hat ganz Deutschland wieder die Wahl. Es darf frei darüber entscheiden, ob eine Ostdeutsche weiterhin an der Spitze der Bundesrepublik steht. Vielleicht kann auch Angela Merkel das Jahr zur deutsch-deutschen Verständigung nutzen, mehr, als sie das bisher getan hat. Indem sie einen Anfang macht fürs gegenseitige Erzählen. Über Generationen hinweg und über alte Grenzen.

20 Jahre. Das ist eine gute Zeit, sich das Alte vor Augen zu führen, um das Neue besser zu begreifen. 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, also 1965, waren die Menschen noch nicht so weit, die Vergangenheit an sich und ihre Kinder heranzulassen, weder in Ost noch in West. Diesmal gibt es die Chance, sich die eigene Geschichte präsenter zu machen, als etwas Gemeinsames.

Nur wer miteinander spricht, kann sich verstehen. Der Osten ist nicht an der Globalisierung schuld, die nun auch den Westen trifft. Und der Westen nicht daran, dass sich viele Ostdeutsche noch allzu oft verschließen. Dabei wäre gerade Offenheit für alle lehrreich: ein unverstellter Blick darauf, wie man mit Umbrüchen umzugehen vermag, in Familien etwa. Welche Niederlagen einer wechselvollen Zeit innewohnen können. Was man trotzdem alles gewinnen kann, in einer Welt, die sich neu auftut. Aus dieser Offenheit ließe sich Gelassenheit erlangen für heute. 1989 ist eine Welt zusammengebrochen, zumindest für die Ostdeutschen. Heute gerät eine Wirtschaftswelt ins Wanken. In Veränderungen ein anderes Leben zu finden, das kann das Land von den Ostdeutschen lernen. Gesellschaft lässt sich selbst verändern.

Dafür hilft auch ein Blick hinaus in die neue Welt, zum Beispiel nach Europa. Gerade jetzt sollte sich Deutschland auch einmal mit den Transformationsländern in Osteuropa vergleichen und nicht nur mit jenen Traumbildern, die die Ostdeutschen einst vom Westen hatten und der Westen einst von sich selbst. 2009 ist das Jahr, an dem sich die Deutschen an ihren Unterschieden bereichern können. Indem wir über sie reden, können wir auch über sie lachen. Weißt du noch?

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar