Zeitung Heute : Gedenksplitter

FRANK DIETSCHREIT

"Deutschland.Ein Heine-Märchen" im Berliner carrousel-TheaterFRANK DIETSCHREITEs blitzt und donnert, rumort und rumpelt.Stimmen rufen, Töne brausen.Ein barfüßiger Mann mit wehendem Haar rotiert durch das Chaos seines Lebens.Er wirft sich unruhig auf ein rotes Sofa, stöbert in Büchern, denkt an Deutschland in der Nacht und ist um den Schlaf gebracht."Ich will euch meine Lebensgeschichte erzählen", beschließt er.Gute Idee, denken wir.Denn erstens sind wir deshalb in die Probebühne des carrousel-Theaters gekommen.Und zweitens machen das doch alle in diesen Tagen.Heinrich Heines 200.Geburtstag wird allerorten heftig gefeiert.Da steht die auf Kinder- und Jugendtheater spezialisierte Bühne nicht zurück und durchstöbert die Biographie des Autors nach spielbaren Bausteinen."Deutschland.Ein Heine-Märchen" nennt Regisseur Rainer Büttner seine winterliche Reise durch "Harrys Kopf" (Tankred Dorst).Denn wir sehen und hören die Gedankensplitter einer in des Dichters Gehirn imaginierten Lebenslinie. Arnim Beutel ist Heine.Der sonst auf jugendliche Helden abonnierte Darsteller ist ein kraftvoller Heine.Unterstützt von drei Musikern singt und rezitiert er sich durch Liebesgedichte und politische Episteln des Außenseiters.Die strenge Mutter und der frohsinnige Vater, die verdrängte jüdische Herkunft und die Leidenschaft für schöne Frauen, die Hymnen auf die Revolution und die Verachtung des Pöbels, Briefe an Verleger Campe und an Kapitalforscher Marx: alles hat seinen Platz zwischen Stehpult, Stuhl und Sofa. Arnim Beutel ist ein ernster, seinem Harry völlig ergebener Diener.Der kränkelnde, zwischen Lebenslust und Todessehnsucht schlingernde Heine bleibt ihm fremd.Das liegt nicht nur an ihm, sondern auch an der Textauswahl, die sich um Heines faulig-stinkende Matratzengruft herumdrückt.Etwas mehr Ironie, ein bißchen Kritik am widersprüchlichen Ahnherrn der deutschen Intellektuellen hätten dem Heine-Märchen gutgetan.Den nach Menschen statt nach Denkmälern suchenden Zuschauern auch. Nächste Vorstellungen: 20.Dezember, 18 Uhr, 13.Januar, 10.30 Uhr.

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