Zeitung Heute : Gedichte rezitieren

Dorothee Nolte

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Meine Hausärztin hat mir den Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland verschrieben. Beim rituellen „Check-up 35 plus“ kam nämlich heraus, dass ich, wie offenbar nicht wenige berufstätige Mütter, wenn zum Beispiel morgens die Kinder nicht vorwärts machen und gleichzeitig jemand anruft, dass ich dann also, weil es ja schnell gehen muss und alles durcheinander geht, dass ich dann, uff, japs, das Ausatmen vergesse. Wissenschaftlich nennt sich das Hyperventilation und kann in extremen Fällen bis zum Lungenemphysem führen. Dagegen setzt meine Hausärztin: Gedichte. Denn die gebundene Sprache, so sagt sie, beruhige Seele, Atem und Geist. Seitdem rezitiere ich bei Stress die Werke bekannter Heiler wie Schiller und Fontane. Es wirkt.

Überhaupt ist das Leben einer Mutter sehr lyrisch. Kinder haben ja einen starken Sinn für Poesie und bringen aus Kindergarten und Schule interessante Reimgebilde mit nach Hause. Darunter eher biedere, offizielle wie: „Wir fahren mit der Eisenbahn, wohin es uns gefällt. Verreisen, das macht großen Spaß, wir seh’n was von der Welt.“ Freiwillig rezitiert Timmy aber nur die inoffiziellen wie: „Happy Birthday to you, Marmelade im Schuh, Aprikose in der Hose und’n Arschtritt dazu“. Schön stimmungsvoll finde ich auch: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, die Oma sitzt im Badeschaum, der Opa ruft die Polizei, die Polizei kommt nackt herbei.“ In der nächsten Strophe sitzt die arme Oma im Kofferraum, der Opa macht die Tür zu, die Oma brüllt „du blöde Kuh“ – Szenen einer Ehe, sensibel eingefangen von Nachwuchspoeten.

Auch unser Dreijähriger übt sich bereits im leicht verfremdeten Gebrauch der Sprache. „Cornflakes weinen nicht“, sagte er kürzlich filmtitelwürdig, und gern korrigiert er den gewöhnlichen Sprachgebrauch mit Neuerungen wie „Esstaurant“ oder „Winter ade, Schneiden tut weh“. Oft entströmen seinem Munde geheimnisvolle Lyrikfragmente wie etwa: „Ich bin keine Hannelore“ – ein Satz, über den ich lange nachgedacht habe. Auch Hannelore hilft übrigens, wiederholt und bedächtig ausgesprochen, gegen Hyperventilation. Versuchen Sie’s.

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