Zeitung Heute : Gedonner

JÖRG KÖNIGSDORF

Der Pianist Bruno Leonardo Gelber im KammermusiksaalJÖRG KÖNIGSDORFBruno Leonardo Gelber konnte einmal großartig Klavier spielen.Poetisch und virtuos, galt er lange als idealer Interpret romantischer Klaviermusik.Doch die Wiederbegegnung mit dem Pianisten wirkte nun wie ein Schock.Bereits in Schumanns Sinfonischen Etüden reihte Gelber müde Variation an Variation.Dabei hatte das Thema verheißungsvoll mit frei schweifendem Gestus die sinfonischen Dynamikoptionen angetippt.Doch schon folgten pauschal pedallastiges Gedonner im Baß, eine fade Mittellage und ein überpräsenter, ostentativ brillanter Diskant.Melodiegeklingel mit kitschig verzärteltem Pianissimo dominierte auch in Chopins Andante spianato et Grande Polonaise Brillante; nirgends konfrontierte Gelber den Polonaise-Rhythmus mit dem überreichen Passagenwerk.Auch in den Scarlatti-Sonaten begnügte er sich mit spieluhrhaftem Diskantstaccato, drückte die Nebenstimmen fast bis zur Unhörbarkeit weg.Hat Gelber nach - laut Programmheft - 4500 Konzerten die Lust an der Musik verlassen? Nur kurz, im zweiten Satz von Schuberts Wanderer-Fantasie, blitzte eine Ahnung von dem auf, was dieser Abend hätte sein können.Der Baß erwachte zu charaktervoll trockenem Eigenleben, Mittelstimmen blühten auf und führten zu fühlbarer Stimmungsdichte.Das zunächst verhalten reagierende Publikum belohnte diesen Lichtblick prompt mit einigen Bravos.

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