Zeitung Heute : Gefährliches Spiel

Der Tagesspiegel

TÜV-Prüfer untersuchen jährlich 2000 Spielplätze - mit einem erschreckendem Ergebnis. Ein Drittel aller Berliner Spielplätze hat gefährliche Mängel. Ein weiteres Drittel wurde von TÜV-Prüfern immerhin noch als mangelhaft beurteilt. Lediglich etwa jeden dritten Platz beurteilten die Prüfer als sicher. Dieses Ergebnis von rund 2000 Spielplatzbegehungen jährlich teilte jetzt der Referatsleiter für Sicherheitstechnik des Berliner Tüv, Wolfgang Rüttinger, mit. Morsche Verankerungen von Spielgeräten, gefährliche Zwischenräume und Winkel, an denen Kinder hängen bleiben können, falsche Abstände zwischen Gerüststreben - das sind die am häufigsten beanstandeten Details.

Mit gutem Grund: Immer wieder haben Ursachen wie diese in den vergangenen Jahren zu tödlichen Unfällen auf Berliner Spielplätzen geführt. Ein fehlendes Brett zwischen Spielgerüst und Rutsche auf einem Reinickendorfer Spielplatz war laut Rüttinger im vergangenen April der Grund, dass sich ein Zweijähriger mit seiner Anorakkordel verfing. Das Kind überlebte den Unfall nicht. Falsche Abstände zwischen den Seilen der Hängebrücke eines Spielgerätes im Wedding waren im Jahr 1998 mit Ursache für den Tod eines Vierjährigen. Die Seile waren laut Rüttinger so geknüpft, dass der Körper eines Kindes zwar hindurchpasste, nicht aber der Kopf.

Auch in Berlin treffen die Prüfer immer wieder auf ein Problem, dass zuletzt Anfang Februar auf einem Spielplatz in Hessen zu einem tödlichen Unfall führte. Der eingegrabene Teil eines Klettermastes war nach Darstellung Rüttingers unbemerkt im Boden verrottet, stürzte und riss das Kind mit. In diesem Fall kann der Kletterpfahl seit Jahren nicht kontrolliert worden sein, wie Rüttinger vermutet – „denn so etwas passiert ja nicht in wenigen Monaten.“

Auch in Berlin machen sich zunehmend Mängel an Spielplätzen bemerkbar, die durch zu wenig Wartung und Pflege bedingt sind, erklärt der Sprecher des Berliner Tüv, Joachim Uhlemann. Er vermutet, dass die schlechte Finanzlage Berlins und der zuständigen Bezirke einer der Gründe dafür ist. So treten bei älteren Rutschen, die aus mehreren Bauelementen zusammengesetzt sind, durch Witterungseinflüsse Kanten und Spalten auf, an denen die Kinder leicht hängen bleiben können. Ebenso sei ein häufig beobachtetes Problem, dass der Sand unter den Spielgeräten nicht regelmäßig wieder aufgefüllt werde. Wenn Kinder immer wieder an derselben Stelle vom Gerüst springen oder am Ende der Rutsche aufkommen, befindet sich nach einer Weile nicht mehr genug Sand über den Betonfundamenten.

Verletzungen sind programmiert. Dass weniger Prüfaufträge an den TÜV ergehen als früher, kann der Referatsleiter Rüttinger allerdings nicht bestätigen. Zumindest nicht bei Landesinstitutionen. Doch Rüttinger wies auch darauf hin, dass es bisher keine Verpflichtungen für Bezirke und andere Institutionen gibt, ihre Spielgeräte durch den Tüv prüfen zu lassen. Wenn der Prüfauftrag erteilt wird, geschieht das freiwillig.

Geschieht allerdings ein Unfall auf einem ungeprüften Spielplatz, hat das laut Rüttinger gravierende Folgen für den Versicherungsschutz. Ole Töns

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