Zeitung Heute : Gefälschte Berwerbungsunterlagen: Arbeitszeugnisse: Betrug mit Schere und Klebstoff

Walter Schmidt

Ein Jahr lang, bis zum Januar dieses Jahres, versorgte Hubert M. (Name geändert) todkranke Patienten auf der einer Intensivstation der Bonner Uni-Kliniken. Doch der angebliche Krankenpfleger war eigentlich nur Rettungssanitäter. Seinen Posten hatte er sich erschlichen - mit einer notariell beglaubigten Urkunde über die Krankenpfleger-Prüfung, die eindeutig gefälscht war.

Nicht immer ist Leben, oft aber viel Geld in Gefahr, wenn eine Firma neue Mitarbeiter einstellt, die völlig ungeeignet sind oder gar kriminelle Ziele verfolgen. Nach Erfahrungen des Wirtschaftsberaters Manfred Lotze von der Düsseldorfer Detektei Kocks wählen "gutgläubige und blauäugige Personalchefs" neue Mitarbeiter fast blindlings aus und schädigen dadurch ihre Unternehmen oft erheblich .

Korrekturlack, Schere, Klebstoff und Zugang zu einem Kopiergerät - mehr braucht ein Zeugnisfälscher laut Lotze nicht. In Kursen schult er Personalchefs im Erkennen von Bewerber-Tricks: Denn nicht selten werden Unterlagen gefälscht, Fachkenntnisse, Motivation und Loyalität vorgegaukelt, Vorstrafen unterschlagen oder Süchte verschwiegen, die den Mitarbeiter die Hälfte der Zeit schachmatt setzen. Problematisch ist das vor allem bei Führungskräften: Sie richten potenziell größere Schäden an und schließen nicht selten Zeitverträge ab, aus denen die Firmen nur schwer herauskommen. Lotze hält die Zahl der gerichtsbekannt gewordenen Fälle von Bewerberbetrug nur für die "Spitze des Eisbergs". Detektive wüssten, dass Wirtschaftsdelikte wegen möglicher Image-Schäden meist unter den Teppich gekehrt und außergerichtlich geregelt werden - beim Bewerberbetrug nach Lotzes Erkenntnissen in etwa 60 Prozent der Fälle. "Der überführte Täter wird bis zum Ende der vereinbarten Zusammenarbeit beurlaubt, seine Bezüge laufen weiter, das Firmenfahrzeug steht ihm weiter zur Verfügung, ebenso telefoniert er weiter auf Firmenkosten."

Schätzungsweise zehn bis 40 Milliarden Mark an Schäden verursacht Wirtschaftskriminalität durch Manager und Angestellte - jedes Jahr. Für Lotze steht fest, dass sich ein beträchtlicher Teil davon durch umsichtigere Personal-Auswahl vermeiden ließe: 70 Prozent der nachträglich als Betrüger entlarvten Bewerber hätten sich seiner Erfahrung nach bereits anhand ihrer Bewerbungsunterlagen ausfiltern lassen. Leider unterbleibe meist sogar der simple Vergleich eines kopierten Zeugnisses mit dem jeweiligen Original.

Nicht so bei der Lufthansa. Sie überlässt zwar die Vorauswahl von Führungskräften so genannten Headhuntern. "Doch beim ersten persönlichen Gespräch lassen wir uns die Original-Unterlagen vorlegen", sagt Lufthansa-Sprecher Thomas Jachnow. Zudem durchlaufe jeder Bewerber fachliche und psychologische Tests. "Spätestens da würden Fälscher und Betrüger auffallen", ergänzt Jachnow. Andreas Ploch hingegen, bei der Deutschen Bank in Frankfurt für Auswahl und Anwerbung von Hochschul-Absolventen zuständig, "geht erst einmal davon aus, dass Zeugnisse und Dokumente die jeweilige Person betreffen und wahr sind". Er lässt sich nicht routinemäßig Originale vorlegen, prüft aber Referenzen nach. Irgendwann jedoch sei die Mühe "auch noch den letzten Bewerber mit krimineller Energie auszufiltern, unverhältnismäßig und unwirtschaftlich".

Auch der Industriegase-Hersteller Messer-Griesheim Deutschland in Krefeld bestehe man mangels schlechter Erfahrungen "nicht grundsätzlich" auf Original-Unterlagen, wie Personalleiterin Marlies Drückes sagt. Doch immerhin verlange das Unternehmen bei jedem Mitarbeiter, vom Arbeiter bis zum Manager, einen negativ ausfallenden Alkohol- und Drogentest.

Fehlgriffe auf Manager-Ebene können die Firmenführung persönlich viel Geld kosten, seit die Vorstände von Aktiengesellschaften mit ihrem Privatvermögen für die Schäden durch nadelgestreifte Nieten haften müssen - so will es das "Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich" (KonTraG).

Da lohnt es sich für Personalchefs schon, genau in die Bewerbungsunterlagen zu schauen und auch gegenüber den "heißen Tipps" unseriöser Personalvermittler gesundes Misstrauen zu bewahren. Sonst rollt schnell der eigene Kopf. VORHER - NACHHER. Kriminelle Energie macht¨s möglich.

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