Zeitung Heute : Gefangen im Chaos

1000 britische Soldaten haben am ersten Weihnachtstag in Basra (Südirak) eine Polizeistation samt Gefängnis gesprengt. Vertreter der Schiiten reagieren empört. Was bezwecken die Briten mit der Aktion?

Matthias Thibaut[London]

1000 britische Soldaten haben am ersten Weihnachtstag in Basra (Südirak) eine Polizeistation samt Gefängnis gesprengt. Vertreter der Schiiten reagieren empört. Was bezwecken die Briten mit der Aktion?

Britische Soldaten im Südirak halten sich viel auf ihre Samtpfoten-Strategie zugute und gehen lieber mit Barett als mit Stahlhelm auf Patrouille. Aber sie sind auch in der Lage, brachiale Gewalt einzusetzen. Rund 1000 britische und irakische Soldaten stürmten am Montag die Dschamiat-Polizeiwache in Basra, Panzer drückten Mauern ein, sieben Milizionäre wurden getötet. Nach Angaben der britischen Streitkräfte diente das Revier als Zentrale für religiöse Fanatiker, fundamentalistische Milizen und das organisierte Verbrechen. Offiziell war in der Polizeistation eine Einheit gegen das organisierte Verbrechen untergebracht. „Die Polizisten machten aber genau das selbst, was sie eigentlich bekämpfen sollten“, sagte der britische Kommandant Charlie Burbridge.

Nach Angaben der britischen Armee flohen die meisten der „Kommandeure“, aber man fand auch 127 Häftlinge, von denen viele Folterspuren aufwiesen. „Sie hatten zerquetschte Hände, Schusswunden in Beinen und Knien, elektrische Verbrennungen, Brandwunden von Zigaretten. Viele konnten nicht gehen“, berichtete Befehlshaber Burbridge. „Das Gebäude war zu einem Symbol der Unterdrückung und Korruption geworden“, kommentierte das Londoner Verteidigungsministerium. Nach Angaben der britischen Streitkräfte kam der Einsatzbefehl direkt vom irakischen Verteidigungsministerium in Bagdad. Nicht eingeweiht war allerdings die Polizeiführung in Basra. Der dortige Polizeikommandant General Ali Ibrahim sprach von einer „illegalen Operation, die Menschenrechte verletzte“. Die Stadtverwaltung kündigten den Briten die Zusammenarbeit auf. Die britischen Streitkräfte in Basra wurden deshalb in Alarmbereitschaft versetzt. Man rechne mit Angriffen, hieß es am Dienstag.

Die Stürmung des Polizeigebäudes soll die Briten ihrem erklärten Ziel näherbringen, die Stadt Basra im März zu räumen und dann komplett den irakischen Sicherheitskräften zu übergeben. Allerdings zeigt der Vorfall wieder einmal, wie gefährlich die Sicherheitslage im Irak ist. Die US-Streitkräfte meldeten am Dienstag den Tod von sechs weiteren Soldaten. Damit kamen nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AP seit Kriegsbeginn im März 2003 mehr Angehörige der US-Streitkräfte im Irak ums Leben (mindestens 2978) als es Todesopfer bei den Terroranschlägen des 11. September 2001 gab (2.973).

Vor allem der wachsende Einfluss schiitisch-iranischer Milizen macht Amerikanern und Briten im Irak zu schaffen. US-Soldaten hielten am Montag mindestens zwei Iraner fest, die sich auf Einladung von Staatschef Dschalal Talabani im Land aufhielten. Talabani sei sehr bestürzt darüber, teilte sein Pressesprecher mit. Das Weiße Haus erklärte, vermutlich stützten die Festnahmen die Einschätzung, dass der Iran die Rebellen im Irak unterstütze. Doch seien die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Zwei weitere Iraner mit diplomatischer Immunität seien an die irakische Regierung überstellt worden, die sie in den Iran freigelassen habe, erklärte die US-Regierung.

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