Zeitung Heute : Gefangene der Sucht

In Berlins Jugendstrafanstalt wird rege mit Drogen gehandelt. Wie verbreitet ist das Problem in anderen Knästen?

Fabian Leber

Die Jugendhaftanstalt Berlin ist kein Einzelfall, wenn es um Drogenkonsum hinter Gittern geht. „Es gibt keine drogenfreien Gefängnisse“, sagt Hubert Fluhr, Leiter der Justizvollzugsanstalt im baden-württembergischen Heimsheim. Seine Aussage deckt sich mit Erkenntnissen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Das Institut hat in mehreren Befragungen die Situation in deutschen Jugendgefängnissen untersucht. Das Ergebnis: Mindestens ein Drittel der Inhaftierten konsumiert regelmäßig Drogen, in einzelnen Haftanstalten sind es sogar bis zu 60 Prozent der Gefangenen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Ende Juli die „Kommission Gewaltprävention im Strafvollzug Nordrhein-Westfalen“. Sie war eingerichtet worden, nachdem im November 2006 ein 20-jähriger Häftling von Mitgefangenen in dem als „Drogenknast“ verrufenen Gefängnis Siegburg ermordet worden war. Die Studie stellt fest, dass bis zu 40 Prozent der Inhaftierten in deutschen Gefängnissen harte Drogen wie Heroin, Kokain oder Crack zu sich nehmen. Der Anteil der Cannabiskonsumenten liegt demnach bei weit über 50 Prozent.

„Es ist gar nicht so selten, dass Drogen wie jetzt in Berlin über Gefängnismauern geworfen werden“, sagt die Psychologin Daniela Hosser, die an der niedersächsischen Studie beteiligt war. Dabei ist dieser Weg noch die offensichtlichste Form von Drogenschmuggel. Experten glauben, dass die weitaus meisten Drogen beim Besuch von Inhaftierten ins Gefängnisinnere geraten. „So wie in Freiheit die Versorgung mit derartigen Stoffen auf keine nennenswerten faktischen Schwierigkeiten stößt, gilt dies auch in Justizvollzugsanstalten“, heißt es in dem Bericht aus Nordrhein-Westfalen.

Finanziert wird der Drogenkauf entweder durch Gelder, die noch aus der Zeit vor der Haft vorhanden sind, oder durch Bekannte und Verwandte. Wenn, wie jetzt in Plötzensee, die Inhaftierten über Mobiltelefone verfügen, wird der Drogenschmuggel zusätzlich vereinfacht. Doch nicht nur in Berlin, auch in anderen Bundesländern wird dagegen selten etwas getan. „Uns fehlen häufig die Rechtsgrundlagen für weitere Kontrollen“, sagt Hubert Fluhr. „Eine Inspektion von Körperöffnungen der Besucher darf zum Beispiel nicht stattfinden“, sagt er. Und eine generelle Trennung von Besuchern und Gefangenen durch Glasscheiben verstoße gegen den Grundsatz der Resozialisierung, zu dem die Justizvollzugsanstalten verpflichtet sind.

Dabei bleibt der Drogenkonsum nicht ohne Auswirkungen auf den Gefängnisalltag. Wenn sie ihre Sucht nicht eigenständig finanzieren können, nehmen Suchtkranke häufig Wucherdarlehen auf, oder es müssen Dienstleistungen gegenüber Mitgefangenen erbracht werden. Gefängnismitarbeiter berichten auch von Erpressungsversuchen gegenüber nicht zahlungsfähigen Schuldnern. Vereinzelt existieren in den Anstalten deshalb sogenannte Schuldenburgen, wie es in dem Bericht aus Nordrhein-Westfalen heißt. Das sind abgetrennte Bereiche zum Schutz von Gefangenen, die ihre anstaltsinternen Schulden nicht bezahlen können.

Und auch für die Zeit nach der Haft bleibt eine Drogensucht im Knast häufig nicht ohne Folgen. Nach der niedersächsischen Studie werden Gefangene, die in der Haft Drogen konsumiert haben, häufiger rückfällig als Inhaftierte ohne entsprechende Erfahrungen. „Ein Problem ist auch die Gefahr von Fehleinschätzungen bei der Resozialisierungsprognose“, sagt Daniela Hosser. Wenn ein Gefangener unter ständigem Drogeneinfluss stehe, lasse sich gar nicht abschätzen, wie er sich später in Freiheit verhalte.

Gefängnisleiter Fluhr wünscht sich deshalb, dass mehr Gefangene als bisher schon während der Haft eine Drogentherapie machen. „In der Regel finden Therapien, wenn überhaupt, erst kurz vor der Haftentlassung statt.“ Außerdem seien die Mittel für Therapien in den vergangenen Jahren bundesweit gekürzt worden. Zwar gibt es zum Beispiel auch in Berlin sogenannte drogenfreie Stationen, in denen eine Therapie möglich ist, doch auf Nachfrage konnte die Senatsjustizverwaltung am Montag nicht sagen, wie viele Plätze vorhanden sind. Und der Bericht aus Nordrhein-Westfalen weist ganz offen auch auf einen zwiespältigen Effekt im Strafvollzug hin: „Gefangene und Bedienstete beobachten, dass der ungestörte Konsum von Drogen auf die Atmosphäre der Gefangenenpopulation eine beruhigende Wirkung entfaltet.“

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