Zeitung Heute : Gefillte Fisch per Mausklick

KAROLINE KLAS

Gefillte Fisch im koscheren Online-Shop bestellen? Auf jiddisch chatten oder eine Israelreise planen? Noch ist man für all diese Anliegen bei haGalil-Online an der richtigen Adresse.Doch es ist unsicher, wie lange unter der Adresse www.hagalil.com noch Service und Informationen geboten werden können.Der größte jüdische Online-Dienst in Europa steht vor dem Aus.

Seit zwei Jahren gestalten, unterhalten und betreiben die beiden Herausgeber, Eva Ehrlich und David Gall, haGalil-Online auf privater, nichtkommerzieller Ebene.60 Stunden ehrenamtliche Arbeit investieren die Münchner wöchentlich.Ihr Ziel ist zu zeigen, "daß es in Deutschland trotz allem ein jüdisches Leben gibt", und "daß das Judentum keine Geheimniskrämerei ist, sondern eine offene Religion mit einer Aussage", wie es im Editorial heißt.Viele Juden in Deutschland hätten kaum Kontakte zu jüdischen Gemeinden, jüdisches Leben spiele sich im privaten Bereich oder in abgesicherten Gemeindehäusern ab."Von Unbefangenheit kann keine Rede sein."

Doch nun geht den beiden Herausgebern das Geld aus, und neben einer vollen Arbeitswoche ist das Engagement für den Online-Dienst nicht zu leisten.Ende November wäre haGalil am Ende, wenn sich nicht doch noch irgendwo Geld auftreiben ließe.Die Hoffnung darauf haben Eva Ehrlich und David Gall nach über einem Jahr intensiver Suche nach Werbekunden oder Fördermitteln aus Politik und Wirtschaft fast aufgegeben.

Dabei scheint die Nachfrage die Notwendigkeit eines jüdischen Online-Dienstes zu bestätigen: Über eine Viertelmillion Zugriffe können die Herausgeber pro Monat verzeichnen, täglich erreichen sie ungefähr 60 E-Mails aus Europa, Amerika und Nahost.

Die Kontaktbörse und Diskussionsforen werden eifrig genutzt: Ora aus München sucht einen Hebräischlehrer für ihre Kinder, Roberto Schaffer aus Sao Paulo, dessen Familie auf der Flucht vor den Nazis nach Brasilien kam, fragt, warum es nach allem, was passiert ist, in Deutschland noch Juden gibt.

Der Inhalt der haGalil-Seiten ist breit gefächert und trägt der Vielfalt des Judentums Rechnung.Eine eigene Suchmaschine macht es möglich, sich dennoch schnell zurechtzufinden.Die Nachrichtenseiten bieten einen aktuellen Nachrichtenüberblick zu jüdischen Belangen.Das Archiv erleichtert die Suche nach Themengebieten.Ausführliche Informationen mit vielen Abbildungen und Audiodateien zu den Grundlagen des jüdischen Glaubens, zu Gebeten, Riten und dem jüdischen Festkalender finden sich unter den Menüpunkten "Judentum" und "Kalender".Auch Einführungskurse für Iwrith und Jiddisch sind dabei.Kinder, die etwas über das Judentum lernen wollen, können bei "haGalil hakathan", dem kleinen haGalil, mit Mona und Daniel die Unterschiede zwischen der christlichen und der jüdischen Religion entdecken.

Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt liegt bei Israel.Neben Nachrichten und Informationen über Land und Leute mit vielen Links - etwa zur Botschaft, zu Universitäten oder zu Kol Israel, wo man Nachrichten auf Englisch und Hebräisch anhören kann - finden sich auch besondere Seiten zum Thema "Israel und die Diaspora" und dem Friedensprozeß im Nahen Osten.Als Service bieten die Herausgeber einen Reisedienst und einen Bestellservice für Bücher und CDs und für Lebensmittel im ersten koscheren Online-Shop Europas an.

Daß für einen solchen Informations- und Kommunikationsdienst in Deutschland keine Fördergelder zu haben sind, und die Enttäuschung, die sie bei der Suche nach Werbekunden erleben mußten, ist für die Herausgeber ein Skandal."Häufig wurde ich unverblümt auf reiche Juden, z.B.jüdische Bankdirektoren verwiesen", beschreibt David Gall seine Erfahrungen.

Ende August wurde in Berlin der "Förderverein haGalil" gegründet, um die Arbeit von haGalil-Online wenigstens auf privater Ebene finanziell zu unterstützen.30 Mitglieder haben sich inzwischen gefunden, die jährlich 50 Euro Mitgliedsbeitrag zahlen - ein Tropfen auf den heißen Stein.Mitglied werden kann hier jeder, unabhängig von Religionszugehörigkeit und konfessioneller Bindung."Wir fördern aber einen eindeutig jüdischen Online-Dienst," sagt Klaus Parker vom Förderverein."Wer das will, kann zu uns kommen."

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