Zeitung Heute : Gefragt ist der Typ "eierlegende Wollmilchsau"

MAREN PETERS

Screendesigner, Mapping-Designer, 3D-Spieleberater - die Vielfalt der Berufe, die die boomende Multimedia-Branche zu bieten hat, macht optimistisch."So viele Stellen - und keiner will sie?" Moderator Thomas Feibel stellte diese Frage an den Anfang der Diskussionsrunde, zu der die Amerika-Gedenk-Bibliothek (AGB) am Mittwoch abend im Rahmen der 2.Multimedia-Woche "Von Bits und Mäusen" eingeladen hatte.Titel der Veranstaltung: "Berufliche Perspektiven von Jugendlichen in der Multimedia-Gesellschaft".Der Mythos von den unendlichen Berufsmöglichkeiten wurde im Laufe des Abends, das zeigte sich sehr schnell, gründlich entzaubert.

Gerhard Severon, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK), sieht in einer Zeit der Umstrukturierung - weg von der Warenproduktion, hin zu den Dienstleistungsberufen - zwar "interessante Perspektiven" für Berlin, warnte aber vor zu großem Optimismus.In 1995 seien hier insgesamt 600 neue Ausbildungsplätze entstanden, davon 350 in den Informations- und Kommunikationsberufen.Das "Ende der Fahnenstange" sei noch nicht erreicht; zugleich betonte er, daß Voraussetzung für eine weitere positive Entwicklung die wirtschaftliche Stabilisierung, eine grundsätzliche Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sowie ein "besonderes Maß an Flexibilität" sei.

"Es gibt Probleme, aber die Chancen überwiegen eindeutig", zeigte sich Carola von Braun von der Senatsverwaltung für Arbeit, berufliche Bildung und Frauen optimistisch.Die neuen Medienberufe gäben Studien- und Ausbildungsplatzabbrechern eine neue Chance.Die Senatsvertreterin beklagte allerdings die strukturelle Benachteiligung von Frauen, bedingt durch die "speziellen Arbeitsbedingungen einer sehr instabilen Branche".Von Braun betonte zudem: "Computerwissen ist nichts wert ohne andere Schlüsselqualifikationen wie Sprachkenntnisse, selbständiges Handeln und Teamfähigkeit." Multimedia-Produzent Eku Wand beschrieb das Dilemma der Branche: "Wenn kleine Unternehmen ausbilden würden, wären sie nicht mehr konkurrenzfähig."

Bei den Unternehmen sei der Typ "eierlegende Wollmilchsau" gefragt, räumte Tagesspiegel-Redakteur Kurt Sagatz ein.Als großes Problem beschrieb er die fehlende Bereitschaft, den eigenen Bedarf zu definieren.Die Situation für Schulabgänger sei daher schwieriger geworden.Eine gute Möglichkeit für Jugendliche, sich mit den neuen Medien vertraut zu machen, bieten Bibliotheken.Spiele seien dabei ein wichtiges Element, denn zum Lernen gehöre auch die Aktivierung der emotionalen Gehirnhälfte, betonte AGB-Generaldirektorin, Claudia Lux.Bibliothekare verstünden sich so in zunehmendem Maße als Medienvermittler.Dementsprechend habe sich auch das Berufsbild gewandelt.Die immense Bedeutung der (oft belächelten) Computerspiele für die Heranführung von Jugendlichen an die Materie unterstrich auch Andreas Lange, Chef des Computermuseums in Mitte.Um in der Branche Fuß zu fassen, empfahl er, möglichst viele Praktika zu absolvieren.Gefragt seien neben dem kreativen Potential vor allem betriebswirtschaftliche Kenntnisse, vor allem im Marketing-Bereich.

Die Ausbildungssituation in den Berliner Schulen skizzierte Markus Kuschela von der Geschäftsstelle "Computer in die Schulen".Die 450 000 Schüler der Landeshauptstadt "wollen nicht mehr so lernen wie vor 100 Jahren", sagte er.Trotzdem mache es keinen Sinn, Computer einfach in die Schulen zu stellen.Vielmehr müsse den oft zögerlichen Lehrern die Angst vor dem neuen Gerät genommen werden: "Sie müssen lernen, Schülern beizubringen, mit Computern umzugehen, und zwar auch im späteren Beruf."

Das Probleme einer in der Regel dreijährigen Ausbildung sei in den Multimedia-Berufen der rasche Innovationsprozeß, sagte Andreas Silkinat vom Druckhaus Hentrich."Multimedia heißt Chaos.Auch die Strukturen sind chaotisch.Wie soll man da Ausbildungsziele definieren?" Größere Unternehmen böten immerhin den Vorteil, daß sie multimediale Strukturen in die "normalen" Geschäftsprozesse integrieren könnten, meinte Joachim Hoy von der AOK Berlin.Ein im öffentlichen Bewußtsein wenig präsenter Aspekt wurde durch eine Zuhörerin ins Bewußtsein gerufen: die weitgehende Unvereinbarkeit von Familie und Computerberufen.Andere Arbeitsrhythmen in den neuen Medienberufen erforderten in der Tat ein "neues Denken und Handeln", betonte Tagesspiegel-Redakteur Sagatz."Wenn man die Bereitschaft zur Schichtarbeit nicht hat, ist man fehl am Platz", bestätigte Kreativ-Unternehmer Eku Wand.Mehr Ganztags-Kitas müssen her, da war man sich einig.Der gute Wille ist da, indes, wie Carola von Braun einräumte: "Konkret geplant ist nichts."

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