Zeitung Heute : Gefrorene Geschäfte

Michail Chodorkowskij, der russische Ölmagnat, wollte eine Pipeline von seiner Raffinerie in Sibirien bis nach China bauen – ein Milliardengeschäft. Die Zukunft seiner Angestellten schien sicher, bis zur Verhaftung ihres Chefs. Eine Reise ins Herz des Konzerns Jukos.

Stefanie Flamm

Es ist jetzt über zwei Monate her, dass Michail Chodorkowskij auf dem Weg zum Baikalsee festgenommen wurde, doch die alten Frauen an der Uferstraße von Listwjanka wirken, als würden sie noch immer auf ihn warten. Vor ihnen stehen in einer ordentlichen Reihe kleine Kohleöfen. In dem dunkelgrauen See hinter ihren Rücken ankern ein paar rostige Kähne, darüber hängen Wolken in hellgrauen Fetzen. Es ist bitterkalt, fast 30 Grad unter null. „Frisch geräucherte Forellen“, rufen die Frauen, sobald sie einen Passanten erblicken. Aber es hat keinen Zweck. Wer im Januar nach Listwjanka kommt, hat selten Geld, um 20 Rubel für einen Fisch auszugeben.

In dem kleinen Ferienort am tiefsten und vielleicht auch schönsten See der Welt endet die Saison im Frühherbst. Sie war schon längst vorbei, als Chodorkowskij hier Ende Oktober erwartet wurde. Doch der damalige Chef des russischen Ölkonzerns Jukos kam ja auch nicht zum Baden. In einem Touristenzentrum wollte er einen Vortrag über sein Lieblingsthema, die „Bedeutung der Wirtschaft für die Herausbildung der Zivilgesellschaft“ halten. Es hätte das Eröffnungsreferat einer „Schule für öffentliche Politik“ sein sollen, wie sie Chodorkowskijs Stiftung „Offenes Russland“ regelmäßig im ganzen Land veranstaltet. Alles war vorbereitet. Journalisten warteten und viele geladene Gäste. Dann klingelte irgendwo ein Mobiltelefon. Eine Stimme sagte: „Sie haben ihn verhaftet.“

Das Duell

Die Meldung schaffte es am nächsten Tag auf die Titelseiten fast aller Zeitungen dieser Welt, und überall löste sie einen Schock aus. Der Westen stilisierte das Schicksal des wegen Steuerhinterziehung und Privatisierungsbetrugs angeklagten Unternehmers für ein paar Wochen sogar zur Nagelprobe für sein Verhältnis zur Russischen Föderation. Denn aus westlicher Sicht schien für Chodorkowskij zu sprechen, was aus russischer Sicht offenbar gegen ihn sprach: Er war zwar in den Jahren nach der Perestrojka auf undurchsichtige Weise zu unfassbar viel Geld gekommen, aber er hatte Ende der 90er Jahre begonnen, über die gesellschaftliche Verantwortung von Kapital nachzudenken. Chodorkowskij finanzierte die liberale Opposition gegen Putin und steckte viel Geld in soziale Projekte. Er war ein Mann, der dem russischen Präsidenten gefährlich werden wollte, hieß es nach seiner Festnahme.

Heute muss man sich allerdings fragen, ob Chodorkowskijs politische Bedeutung damals nicht gewaltig überschätzt wurde. Die beiden liberalen Parteien, die er unterstützte, sind bei der Dumawahl vollkommen gescheitert. Und als ein Moskauer Gericht am Tag vor Weihnachten Chodorkowskijs Untersuchungshaft um weitere drei Monate verlängerte, hat nicht einmal der Westen mehr aufgeschrien. Falls es im Kreml also einen Plan gab, den ambitionierten Unternehmer bis zu den Präsidentschaftswahlen im März kaltzustellen, ist er aufgegangen.

Trotzdem ist es gut möglich, dass der interessanteste Part in dem Duell Staatsanwalt gegen Ölbaron noch aussteht. Im zweiten Akt wird es nämlich darum gehen, wer das Öl, Russlands einzigen Reichtum, künftig kontrolliert. Und es geht um den chinesischen Energiemarkt, den zweitgrößten der Welt. Bis vergangenen Herbst hatte Jukos dort noch sehr gute Startchancen.

Seit 2001 besitzt die Firma einen Brückenkopf nach Asien, die ANChK, das einst größte Erdöl verarbeitende Kombinat der Sowjetunion. Es liegt in Angarsk, einer kleinen Industriestadt 100 Kilometer nördlich vom Baikalsee, kurz vor der Grenze zur Mongolei. Und glaubt man, was in den ostsibirischen Zeitungsredaktionen so geredet wird, könnte einer der nächsten Schauplätze im Jukos-Drama genau dort liegen. Es gebe bisher nur Gerüchte, sagt Galina Solonina, Redakteurin bei der Nachrichtenagentur Teleinform. Und: Es habe etwas mit einer Pipeline zu tun. Sie sollte ab 2005 Öl von den Jukos-Werken in Angarsk über die Mongolei nach Nordchina bringen. Mit dem Bau wurde nie begonnen. Das sei mittlerweile „ein heikles Thema“, sagt Frau Solonina. „Am besten fragen Sie selbst.“ Gegenüber Journalisten habe Jukos eigentlich noch nie Probleme gemacht.

Jukos schickt am nächsten Tag sogar ein Auto, einen großen schwarzen Wolga. Darin sitzen zwei Männer mit riesigen Nerzmützen, die fast bis ans Autodach stoßen. Der eine Mann ist der Chauffeur, der andere heißt Wladimir Leonidowitsch. Er trägt einen Fellmantel, der von innen noch einmal gefüttert ist. „Nur wer sich vernünftig anzieht, überlebt unseren Winter“, sagt er. Wladimir Leonidowitsch ist fast ein Eingeborener, ein „Sibirjak“, wie er das ausdrückt. 1958 zog er mit seinen Eltern nach Angarsk. Er hat hier am Polytechnikum studiert und sein ganzes Berufsleben in der ANChK verbracht. Wenn die Firma Gäste bekommt, holt er sie ab. Es ist eine schöne Strecke. Entlang der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn führt sie durch ein eingeschneites, fast menschenleeres Bilderbuchrussland. Manchmal fliegt ein Holzhaus vorbei, ab und an bilden ein paar Holzhäuser ein kleines Dorf. Meistens fährt man durch lichte Birkenhaine, auf denen der Schnee pappt wie dicker weißer Tortenguss. Und wenn über den Birken Unmengen weißen Rauchs in den eisblauen Himmel steigen, ist es nicht mehr weit bis zum Röhrenlabyrinth der ANChK, 23 Quadratkilometer groß, mit eigenem Bus- und Trambahnsystem, 13 Kantinen für 20000 Menschen.

Die ältesten Fabrikteile wurden Anfang der 50er Jahre als Reparationsleistung in der DDR demontiert, erzählt Wladimir Leonidowitsch, während das Auto unter einer riesigen, weiß lackierten Ölleitung hindurch zum Pförtnerhäuschen abbiegt. Damals habe es noch die Idee gegeben, hier Maschinenöl aus Kohle zu gewinnen. Doch dann wurde im russischen Norden Öl entdeckt, und Angarsk sattelte um, mit der Folge, dass die größten Raffinerien Russlands sich nun in einem Kohleabbaugebiet befinden. Das Öl muss durch eine hunderte Kilometer lange Pipeline aus dem Norden bis hierher gepumpt werden. „Planwirtschaft“, sagt Wladimir Leonidowitsch. Er lacht unter seiner Nerzkappe. Selbst der schweigsame Chauffeur muss grinsen. Und was ist mit der Pipeline nach China, von der die Leute reden? „Ein heikles Thema“, sagt auch er.

Einen Tag, nachdem er am Baikalsee diesen Vortrag hätte halten sollen, wollte Michail Chodorkowskij mit dem Management von Angarsk darüber reden. Als Konzernstratege interessierte sich der Liebling des Westens nämlich schon lange nicht mehr für Europa. Dort habe Jukos keinerlei Expansionsinteresse, hieß es letzten April in der Festschrift zum zehnjährigen Jukos-Jubiläum. Den europäischen Ölmarkt habe der staatliche russische Konzern Lukoil im Griff. „Doch kein Konzern hat so gute Chancen in China wie wir“. Und letztlich hängt es von der Genehmigung der China-Pipeline ab, ob das Konzept aufgeht oder nicht. Wladimir Leonidowitsch zuckt mit den Achseln. Es wirkt nicht ganz gleichgültig, eher etwas verdruckst. Er will sich nicht vorstellen, was es für die Firma bedeuten könnte, wenn das große Asiengeschäft mangels Pipeline platzt und der geplante Brückenkopf nach Asien möglicherweise gar zum Milliardengrab wird, weil ohne Pipeline der Geschäftsplan völlig durcheinander gerät und Aktionäre noch nervöser werden, als sie es ohnehin schon sind. Denn seit Chodorkowskijs Festnahme geht es mit dem Konzern bergab. Im Dezember ist die Fusion mit Sibneft gescheitert und somit das Vorhaben, sich mit dem einstigen Rivalen zum viertgrößten Erdölkonzern der Welt zusammenzutun. Und mit jedem Tag, den der Firmenchef in Haft sitzt, fallen die Aktien weiter.

Nominell hat das Unternehmen in den letzten zwei Monaten schon über sechs Milliarden Dollar an Wert verloren. Und wenn man das alles zusammennimmt, scheint die These, hier sollten Anteilseigner paralysiert werden, um das gewesene Vorzeigeunternehmen preisgünstig filetieren zu können, nicht unbedingt absurd. Wie reagieren die Mitarbeiter des Konzerns auf solche Verfallsszenarien? Fürchten sie um ihren Arbeitsplatz? Und was halten sie von Chodorkwoskij, dessen Verhaftung diese Kettenreaktionen erst ausgelöst hat?

In Angarsk, sagt Wladimir Leonidowitsch, hätten die Leute die schlimmsten Zeiten schon hinter sich. „So arg wie vor fünf Jahren kann es hier gar nicht mehr werden.“ Bevor Jukos das Kombinat 2001 übernahm, gab es oft Lieferschwierigkeiten, manchmal kam wochenlang kein Öl, die Maschinen verrotteten, die Leute erhielten nur selten ihr Gehalt. „Jukos hat hier Ordnung gemacht“, sagt Wladimir Leonidowitsch. 23 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr, etwa ein knappes Drittel der gesamten Fördermenge des Konzerns, werden hier in vier täglichen Schichten zu Heizöl, Diesel, Benzin, Motoröl, Schmieröl, Kerosin und Polymeren verarbeitet. Etwa zwei Drittel davon kauft noch immer die russische Armee. Der Rest geht heute schon nach China. 100000 Tonnen waren es 2002. In zwei Jahren sollen es zehn Millionen Tonnen sein, so steht es jedenfalls im Businessplan. Das ist mehr, als man mit der Eisenbahn transportieren kann.

Ein exquisites Gebräu

„Aber für eine Pipeline braucht man politische Unterstützung. Und unser Verhältnis zur Macht ist ja leider ein wenig vereist“, sagt Michail Samjatin, ein jüngerer Ingenieur mit Managementfunktion. Er trägt die gleiche Nerzkappe wie Wladimir Leonidowitsch und stammt aus dem hohen Norden. Obwohl er nur noch Büroarbeit macht, kennt er sich in der Produktion gut aus, jede neue Maschine, jedes Filtersystem wird ganz genau erklärt. Und nach zwei Stunden brummt einem der Schädel vor lauter Oktanwerten, Gefrier- und Siedepunkten, Kondensierungstechniken und Granulatstärken. Er sei mit dem Öl groß geworden, sagt Samjatin. Und Öl hat offenbar eine Faszination auf Menschen, die man nicht begreift, wenn man nur nach der politischen Dimension fragt. Auch die Ingenieure und Techniker, die bei Jukos die Produktion überwachen, sprechen davon, als gäbe es keinen Putin, keinen Chodorkowskij und keine Pipeline. Ihr Öl ist ein ganz exquisites Gebräu, bei dem man so viel falsch machen kann. Vielleicht macht es süchtig. Michail Samjatin geht am liebsten zu Fuß durch die ANChK. „Ich liebe diesen Anblick“, sagt er. Er hat etwas von Fritz Langs Metropolis, bloß in Farbe.

Von Auflösungserscheinungen ist hier nichts zu sehen. Die Öltanks blitzen in der Mittagssonne, die Wege sind frisch geräumt, vor den Gebäudeeingängen kratzen Frauen das Eis von den Stufen, damit niemand hinfällt. In einer der Kantinen plätschert ein Springbrunnen. Darüber hängen Plakate. „Jukos – für eine Zivilisation“ steht da drauf. Die Männer in der Schlange vor der Essensausgabe tragen Uniform. Als hätten sie hier nur die Farben ausgetauscht, denkt man. Aus dem Rot der Sowjetunion wurde das Grün des Konzerns. „Chodorkowskij war halt lange Funktionär beim kommunistischen Jugendverband“, sagt Wladimir Leonidowitsch beim Mittagessen.

Hätschelkind der Börsen

Viele „sozialistische Errungenschaften“, die in den ersten Jahren der Transformation aus Angarsk verschwanden, kamen mit Jukos zurück. Seither gibt es wieder Mineralwasser und Milch für alle, einen Zahnarzt, der Mitarbeiter kostenlos behandelt, einen medizinischen Massagesalon, eine Poliklinik, ein Kulturhaus in der Stadt, ein Sanatorium am Baikalsee, Jugendlager, Sommerfeste und Weihnachtsfeiern für die Kinder der Ölarbeiter. Die Kantinenfrauen durften sogar bei der Innenausstattung der Speisesäle mitentscheiden. Von dem Geld, das sie übrig hatten, haben sie den Springbrunnen gekauft. „Chodorkowskij hat viel für uns getan“, sagen sie. Auch wenn die meisten Jukos-Mitarbeiter bei den Parlamentswahlen im Dezember dann doch für die Putin-Partei gestimmt haben, spricht hier niemand schlecht über den ehemaligen Konzernchef. Beide verkörpern, jeder auf seine Art, Kontinuität. Der eine, indem er sagt: „Wir sind wieder wer“. Der andere, weil er die grundmaroden Raffinerien wieder zu Vorzeigeunternehmen hochgerüstet hat. Dass der Konflikt zwischen beiden die Errungenschaften in der ANChK wieder gefährden könnte, denken offenbar nur wenige.

„Wir können den Leuten doch nicht vorschreiben, wen sie wählen sollen“, sagt Wladimir Aninsinow, der Direktor der ANChK. Er ist Mitte 40, ein dunkler, eher südländischer Typ. Auf dem großen Tisch, an dem er Gäste empfängt, liegen die Bilanzen der letzten drei Jahre. Aber Aninsinow hat die Zahlen auch so parat. Meistens bewegen sie sich in Dimensionen, die man sich nicht mehr vorstellen kann. Immer sollen sie einen Aufwärtstrend belegen. Motorölproduktion um 150000 Tonnen gesteigert, Raffinerie-Werte eine Million Tonnen über dem Plan. Löhne und Gehälter in drei Jahren um ein Drittel erhöht. Er spricht leise. In seinen Mundwinkeln hängt stets ein Lächeln. Es gibt einem das Gefühl, dieser Mann sei noch nie in seinem Leben gegen eine Wand gerannt. „Ich mache hier nur meine Arbeit. Es hat doch keinen Zweck, die Leute zu demoralisieren“, sagt er. Doch vielleicht kennt auch er im jüngsten Akts des Jukos-Dramas einfach seinen Text noch nicht.

Als Aninsinow diesen Job vor drei Jahren bekam, war der Konzern noch das Hätschelkind der Börsen. Zum zehnjährigen Bestehen letztes Frühjahr hat sogar Putin höchstselbst noch gratuliert. Damals war auch die Pipeline von Angarsk nach China noch beschlossene Sache. Die Bevölkerung lief zwar Sturm, die Umweltverbände sorgten sich um den Baikalsee. Doch Moskau hatte zugesichert, den Bau der Pipeline voranzutreiben. Oder böse gesagt: Der Konzern und die Macht hatten sich gegen die Zivilgesellschaft zusammengetan, die der einstige Jukos-Chef in seiner Freizeit so gerne förderte. Doch mittlerweile scheint die Macht es in der Pipeline-Frage eher mit den Umweltverbänden zu halten. Es geht jedenfalls nichts voran. Oder denkt Moskau vielleicht sogar darüber nach, wer statt Jukos den chinesischen Markt erobern soll? „Moskau schweigt“, sagt Direktor Aninsinow. Und das war noch nie ein gutes Zeichen.

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