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STAATSOPER Kenneth Tarver ist der Tenore di grazia in der wiederentdeckten Barockoper „Antigona“

UDO BADELT

Mitten im Trubel, der im ersten Akt vom „Rosenkavalier“ losbricht, stimmt ein namenloser „italienischer Sänger“ seine Arie an. An der Deutschen Oper, in der Inszenierung von Götz Friedrich, ist der Italiener eigentlich ein Amerikaner. Kenneth Tarvers heller, anmutig-geschmeidiger Tenor lässt aufhorchen – wenn auch nur für einen Augenblick. Denn die Rolle ist klein, nach wenigen Takten schon fährt Kurt Rydl als impertinenter Baron Ochs auf Lerchenau dem Sänger in die Parade, wütend stapft er von der Bühne. Tarvers Stimme aber bleibt im Gedächtnis, und Ende Januar hat man Gelegenheit, sie wieder zu hören. In „Antigona“ von Tommaso Traetta, der neuesten Barockopernaufführung von René Jacobs an der Staatsoper, wird Kenneth Tarver eine der fünf Solistenrollen übernehmen.

Tarvers Stimmfach ist „Tenore di grazia“, ein Typus, der während der Hochzeit der Belcanto-Oper in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand und leichter, eleganter, süßlicher klingt als der lyrische Tenor. Alfredo Kraus ist ein prominenter Vertreter dieses Fachs oder – näher an der Gegenwart – Juan Diego Flórez. Und so singt Tarver neben Donizetti vor allem Rossini, von dem er allein 16 Rollen im Repertoire hat. Und dann ist da noch seine zweite große Leidenschaft: Mozart. Tarver stand als Tamino, Don Ottavio oder Titus auf der Bühne, erst im vergangenen Herbst konnte man ihn an der Staatsoper als Belmonte in der „Entführung aus dem Serail“ hören. Der Absolvent der Interlochen Arts Academy in Michigan und des Oberlin Conservatory of Music in Ohio ist als freischaffender Sänger viel unterwegs. Festes Mitglied eines Ensembles war er bisher erst einmal: in Stuttgart, zur großen Zeit der Intendanz von Klaus Zehelein. Noch heute hat er im Schwäbischen seinen Wohnsitz.

In „Antigona“ wird Tarver vor allem eines tun müssen: viel schlichten. Er singt den Adrasto, einen Fürsten, der das gute Gewissen der Thebaner verkörpert und auf König Kreon einwirkt, Antigone nicht mit dem Tod zu bestrafen, weil die ihrem Gewissen gefolgt ist und ihren Bruder Polyneikes entgegen Kreons Verbot bestattet hat. Ja, die griechische Mythenwelt ist vielfältig und verwirrend – am besten, man macht sich vor dem Besuch von „Antigone“ noch einmal mit den wesentlichen Figuren vertraut. Adrasto kommt in Sophokles’ berühmter Tragödie, die der Oper zugrunde liegt, gar nicht vor. Aber der Tragödiendichter Aischylos erwähnt ihn in seinem Stück „Sieben gegen Theben“, wie der Dramaturg Detlef Giese erklärt. Kenneth Tarver wird gemeinsam mit vier anderen Solisten die für die Entstehungszeit neuartigen Arien, Duette und Terzette von Traetta singen, die nicht nur einen Affekt ausdrücken, sondern vom dramatischen Handlungsverlauf motiviert sind. Traetta gilt als der „italienische Gluck“, wie dieser wollte er die Oper reformieren, ihre Figuren glaubwürdig anlegen, wahre Gefühle zeigen. „Antigona“, mit dem Librettisten Marco Coltellini geschrieben für den Zarenhof in St. Petersburg, gilt als sein Hauptwerk.

Es ist nicht das erste Mal, dass Tarver mit René Jacobs zusammenarbeitet. Mit dem Mozart-Experten hat er die Opern „Don Giovanni“ und „Idomeneo“ aufgenommen (beide Harmonia Mundi). „Es ist großartig, mit Jacobs zu proben“, schwärmt Tarver, „bei ihm herrscht eine unglaublich intensive Arbeitsatmosphäre auf hohem Niveau. Er erwartet viel, aber man lernt auch viel in der Begegnung mit ihm.“ Das Ergebnis wird man Ende Januar hören können. Und wer nach dem Besuch von „Antigona“ Tarvers Tenorschmelz schätzen gelernt hat, hat kurz darauf Gelegenheit, ihm erneut zu begegnen. Im Februar kehrt er als Belmonte in der „Entführung aus dem Serail“ für fünf Aufführungen nach Berlin zurück.UDO BADELT

Premiere 30.1., 18.30 Uhr

Auch 1., 3., 8. und 10.2.

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