Zeitung Heute : Gefühlte Gefahr

Dagmar Dehmer

Das Jahr 2007 soll so heiß werden wie nie – als Ursache nennen britische Forscher unter anderem das Wetterphänomen „El Niño“. Wie gefährlich sind solche Naturereignisse in Zeiten des Klimawandels?


2007 könnte nach Ansicht der Forscher des britischen Hadley-Instituts das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür läge bei 60 Prozent, sagten die Wissenschaftler gestern. Als Grund nennen sie den Einfluss des El-Niño-Klimaphänomens im Pazifik. Der diesjährige El Niño, der als gemäßigt bezeichnet wird, werde wohl noch bis zu einem halben Jahr anhalten, schätzt Professor Peter Höppe, der bei der Münchener Rück die Geo-Risikoforschung leitet.

Als El Niño – das Christkind – wird ein Klimaphänomen bezeichnet, das alle drei bis sieben Jahre auftritt. Dabei erwärmt sich das Wasser im mittleren und östlichen Pazifik. Die Folge sind Dürren und Hitze in Australien und Asien, vor allem Indonesien. In Ostafrika, vor allem aber Südamerika nehmen die Niederschläge zu, die Folge sind häufig schwere Überschwemmungen. Einen Effekt kann Höppe als Vertreter einer großen Rückversicherung dagegen nur begrüßen: Die Hurrikane im Atlantischen Ozean werden durch El Niño etwas ausgebremst. „Das haben wir in diesem Herbst schon deutlich gespürt“, sagt Höppe. Nach dem Rekordjahr 2005 hat es 2006 nur wenige schwere Hurrikane gegeben. Dafür nimmt die Wahrscheinlichkeit für tropische Wirbelstürme im Ostpazifik zu.

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hält die Vorhersage des Hadley-Instituts für „Wahrsagerei“. Eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent „ist so gut wie nichts“, findet er. „Ich würde damit nicht an die Öffentlichkeit gehen“, sagt Gerstengarbe. Dennoch könnten seine britischen Kollegen recht behalten. Auch Höppe meint: „So gewagt ist die Aussage nicht. Schließlich liegen sechs der wärmsten Jahre innerhalb der letzten zehn Jahre. Und durch den Klimawandel steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder einmal ein wärmstes Jahr gibt.“ Dem würde auch Gerstengarbe zustimmen. Ob allerdings ein Zusammenhang zwischen El Niño und besonders warmen Jahren besteht, ist seiner Meinung nach ungeklärt. Er könne sich kaum vorstellen, dass El Niños zur globalen Erwärmung beitragen. Eher stelle sich die Frage, ob der Klimawandel mehr El Niños hervorbringe.

Tatsächlich fällt das bisher wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, nämlich 1998, mit einem El Niño zusammen, dem stärksten bisher beobachteten. Allerdings wendet Gerstengarbe ein, dass El Niños erst seit den 50er Jahren wissenschaftlich vermessen und beobachtet würden. Es seien noch keine zehn dieser Phänomene ordentlich untersucht worden, meint er.

Ob 2007 nun das wärmste Jahr werden wird, oder nicht: Dieses Jahr wird aus Sicht der meisten Forscher und Politiker das entscheidende für den internationalen Klimaschutz. Der Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep), Achim Steiner, sagte am Donnerstag im Deutschlandradio Kultur, Deutschland habe mit der EU-Ratspräsidentschaft und dem G-8-Vorsitz die Möglichkeit, beim Thema Klimaschutz eine Führungsrolle zu übernehmen. Dieses Jahr werde entscheiden, „ob die internationale Gemeinschaft das Klimathema wirklich ernsthaft aufgreift“, sagte Steiner. Beim UN-Klimagipfel im Dezember in Indonesien müsste ein Verhandlungsmandat für ein internationales Folgeabkommen für das Kyoto-Protokoll verabschiedet werden. Gelänge das nicht, gäbe es nach dem Auslaufen des Kyoto-Vertrags 2012 zunächst kein Anschlussabkommen. Denn wenn der Folgevertrag 2009 nicht unter Dach und Fach ist, dürfte es unmöglich sein, dass mehr als 160 Vertragsparteien das Abkommen bis 2012 auch ratifiziert haben. Und das ist schon großzügig gerechnet. Beim Kyoto-Protokoll hatte es von 1997 bis 2005 gedauert, bis es endlich in Kraft treten konnte.

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